Rezension

Eleanor Catton – Die Gestirne

„Ich wollte einen Rätselkrimi schreiben, mit einem toten Mann im Zentrum und zwölf Verdächtigen drumherum. Dann wollte ich sieben Nebenfiguren, die sich erst nach und nach als Hauptdarsteller herausstellen. Dazu wollte ich eine Gerichtsszene wie in Die Brüder Karamasow“ (Eleanor Catton im Galore-Interview, Januar 2016)

Das war 2013 eine große Überraschung, als die damals 28-jährige Neuseeländerin Eleanor Catton für ihren zweiten Roman Die Gestirne mit dem renommierten englischen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Damit war sie die jüngste ausgezeichnete Preisträgerin und legte mit ihrem Roman gleichzeitig das bisher umfangreichste Werk aller Preisträger vor. Seit November 2015 kommen auch deutsche Leser dank der tollen Übersetzung von Melanie Walz in den Genuss dieses Romans.

Worum geht es? Es ist der Januar 1866 als der Schotte Walter Moody nach schwerer Überfahrt in der Goldgräberstadt Hokitika an der Westküste der neuseeländischen Südinsel landet. Im Rauchzimmer des örtlichen Hotels trifft er auf scheinbar zufällig versammelte zwölf Personen die jedoch, wie sich nach und nach herausstellt, in einem engen Beziehungsgeflecht miteinander verbunden sind. Bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung werden Eleanor Cattons große Vorbilder, die Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters, allen voran Charles Dickens, offensichtlich. Bereits die einleitende Kapitelüberschrift wirkt geradewegs aus einem Roman dieser Zeit entnommen:

„In welchem Kapitel ein Fremder nach Hokitika kommt, eine geheime Versammlung gestört wird, Walter Moody seine neuesten Erinnerungen verbirgt und Thomas Balfour eine Geschichte zu erzählen beginnt.“ (Kapitelüberschrift des ersten Kapitels)

Die Versammlung findet statt um die seltsamen Vorfälle, die sich vor kurzem in der Goldgräberstadt ereignet haben, aufzuklären. Der stadtbekannte Säufer Crosbie Wells wurde tot in seiner abgelegenen Hütte aufgefunden und mit ihm ein Goldschatz von beträchtlicher Größe, die Prostituierte Anna Wetherell hat scheinbar einen Selbstmordversuch durch eine Überdosis Opium unternommen und der junge Goldgräber und Minenbesitzer Emery Staines ist spurlos verschwunden.

Die versammelten zwölf Männer stellen einen Querschnitt der Bevölkerung Hokitikas dar. Ein Zeitungsherausgeber ist ebenso vertreten wie der Apotheker, ein Hotelier, ein Geistlicher, chinesische Goldschürfer und einige andere. Im Laufe des Abends erzählen die einzelnen Personen nacheinander wie sie mit den betroffenen Personen in Verbindung standen und was sie in den letzten Wochen erlebt haben. Dabei lassen die Erzählungen der einen Person die Berichte der anderen immer wieder in einem neuen Licht erscheinen und nach und nach ergibt sich eine sehr komplexe Geschichte aus Betrug, Verrat, Rache und Liebe. Die eigentlichen Hauptpersonen des Romans sind aber nicht die zwölf (beziehungsweise dreizehn mit Walter Moody) Männer der geheimen Versammlung, sondern die zentralen Frauenfiguren Anna Wetherell und Lydia Carver, alle Ereignisse hängen mehr oder weniger mit diesen beiden Personen zusammen.

Eleanor Catton nimmt sich viel Zeit für die Erzählungen der Männer im Rauchzimmer des Hotels, ohne jedoch langatmig zu werden. Dieser Teil des Romans füllt allein die ersten 500 Seiten des Buches und bietet Raum für eine differenzierte Charakterisierung der einzelnen Personen. In der zweiten Hälfte des Romans nimmt die Handlung dann nochmal deutlich an Spannung zu und der Leser fiebert der Auflösung des Falles nach 1040 Seiten zu.

Nicht so ganz erschlossen hat sich für mich der formale Aufbau des Romans, der nach astrologischen Gesichtspunkten gegliedert wurde. Den zwölf Personen aus der geheimen Versammlung sind die zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, weitere zentrale Charaktere werden mit Planeten gleichgesetzt. Die einzelnen Teile des Buches werden analog der Mondphase immer kürzer. Auch wenn dieser Aspekt des Romans zum Verständnis des Buches meines Erachtens nicht erforderlich ist, würde mich hier doch noch der genaue Sinn dieses Aufbaus interessieren. Wer also Ideen dazu hat darf sie hier gerne in die Kommentare schreiben.

Die Autorin schafft es hervorragend die Atmosphäre in der wilden Küstenstadt und die Stimmung unter den Einwohnern zu beschreiben. Das Leben in einer Goldgräberstadt zur Mitte des 19. Jahrhunderts kann der Leser unmittelbar miterleben. Allerdings stellt die Figurenvielfalt und die komplexe Handlung den Leser auch vor ziemliche Herausforderungen. Das Lesen erfordert Konzentrations- und Duchhaltevermögen und ist für das Nebenbei-Lesen eher nicht geeignet. Daher mit Sicherheit kein Buch an dem jeder Freude haben wird, Kritiker könnten ihm vorwerfen letztlich lediglich ein 1000 Seiten umfassender whodunit-Krimi zu sein.

Wer jedoch dicke Bücher liebt, eine Vorliebe für Klassiker wie Charles Dickens hat und eine intensiv erzählte und spannende Geschichte sucht ist hier gold(!)richtig. Für lange Winterabende oder Urlaubstage die perfekte Lektüre. Für diese Personen daher von mir eine große Leseempfehlung.

Eleanor Catton: Die Gestirne (Original: The Luminaries), aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz, 1040 Seiten, gebunden, btb-Verlag, ISBN 9783442754793, Euro 24,99  (Taschenbuch erhältlich ab 27.03.2017) Link zur Verlagsseite

Weitere Besprechungen auf folgenden Blogs:

Kerstin Scheuer

Nico Wallmann

Buchstabenmagie

Zwischendenseiten

aus.gelesen

Rezension

Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

„Es ist schließlich nicht so, dass wir uns um das Überleben der Literatur sorgen müssten. Nie hat es so viele Bücher gegeben wie heute. Aber vielleicht wird es Zeit, dass die Bestie mit einem Warnhinweis über mögliche Gesundheitsgefährdungen versehen wird.“ (Tim Parks in seinem Vorwort)

Mit diesem Buch gibt uns der britische Autor Tim Parks einen tiefen Einblick in den Literaturbetrieb der heutigen Zeit, räumt mit einigen Vorurteilen auf, hinterfragt unser Leseverhalten und beleuchtet einige Mythen, die sich um Bücher, Autoren und das Schreiben ranken.

Tim Parks, Jahrgang 1954, ist ein britischer Schriftsteller und Übersetzer, der seit vielen Jahren in Italien lebt und an der Universität in Mailand literarisches Übersetzen lehrt. Auch als Kritiker hat er sich einen Namen gemacht, für die New York Review of Books schreibt er häufig Kritiken und Essays. Er kennt daher die zahlreichen Facetten des Literaturbetriebes und kann mit seinem trockenen, britischen Humor äußerst unterhaltsam und lehrreich darüber berichten.

Das vorliegende Buch enthält eine Sammlung einiger seiner Essays, die Parks grob in die folgenden Teile des Buches sortiert:

Die Welt des Buches
Das Buch in der Welt
Die Welt der Schriftsteller
Schreiben rund um die Welt

Er gelangt, zumindest für mich, zu überraschenden Einsichten und Erkenntnissen. Beispielsweise wenn er sich fragt, ob man wirklich jedes Buch zu Ende lesen muss. Zur Beantwortung dieser Frage orientiert er sich an der Vorgehensweise eines Autors beim Schreibprozess. Die überwiegende Anzahl der Autoren geht beim Verfassen eines Romanstoffes chronologisch vor, mit zunehmender Dauer der Handlung sind die handelnden Personen und die wesentlichen Konflikte der Geschichte erzählt, die Variationsmöglichkeiten der Handlung werden gegen Ende des Romans immer weniger. Wie und wann der Roman endet ist, laut Parks, oft eine fast willkürliche Entscheidung des Autors.

„Indem all diese Autoren, wie mir scheint, uns zu verstehen geben, dass ein Buch von einem bestimmten Punkt an jederzeit enden kann, billigen sie, dass ein Leser selber entscheiden darf, wo er sich verabschieden will (von Prousts Suche zum Beispiel, oder vom Zauberberg), ohne sich in seiner Leseerfahrung beeinträchtigt zu fühlen.“ (Seite 23)

Diese Ansichten mögen vielen Lesern radikal erscheinen, aber gerade die Deutschen scheinen wohl immer mit etwas zu viel Ernst an die Literatur heranzugehen. Auch zur Lesedauer hat er eine ganz eigene Meinung:

„Wer den Ulysses in zwei Wochen liest, hat ihn nicht besser oder schlechter gelesen als jemand, der ihn in drei Monaten liest oder drei Jahren.“ (Seite 29)

Einen besonderen Schwerpunkt legt Parks auf die Betrachtung der weltweiten Entwicklungen auf dem Buchmarkt und setzt sich durchaus kritisch mit der Vorherrschaft amerikanischer Autoren auf den Bestsellerlisten auseinander. Durch die zunehmende Globalisierung sind immer mehr Autoren gezwungen ihre Romane so zu schreiben, dass sie einem möglichst großen Publikum zugänglich gemacht werden können. Am Beispiel von Peter Stamm erläutert Parks sehr gut nachvollziebar, wie dieser eine Romanhandlung praktisch von allen lokalen Eigenheiten befreien muss, damit diese überall auf der Welt vorstellbar wäre. Ein amerikanischer Autor wie Jonathan Franzen hingegen kann mit Markennamen, amerikanischen Ortsbeschreibungen etc. um sich werfen, da diese durch Literatur, Fernsehen und Kino beinahe schon Allgemeingut sind. Dass sich da immer nur Qualität durchsetzt hält Parks für fraglich.

„ ‚Wenn ein Buch wirklich gut ist, dann erreicht es jeden, überall auf der Welt‘…’Es ist interessant‘, sagte ich zu ihr, ‚dass dieser Glaube an den universellen Reiz guter Literatur so wunderbar mit den Bedürfnissen der Wirtschaft harmoniert.‘  “  (Seite 88)

Auch viele weitere Themen des Buches sind interessant (z.b. welche Bedeutung muss man dem Literatur-Nobelpreis beimessen?) oder lassen einen über das eigene Leseverhalten nachdenken (liest man um sein Weltbild zu bestätigen oder es zu hinterfragen?).

Ein Buch, bei dem man einzelne Kapitel immer wieder lesen kann und das zum Nachdenken und zur Diskussion anregt. Eine große Leseempfehlung für alle Buch- und Literaturliebhaber.

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker und Ruth Keen, Verlag A. Kunstmann, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 9783956141300, Euro 20,00, Link zur Verlagsseite

Weitere Besprechungen auf folgenden Blogs:

Literaturen

Jelimuki

Kapri-zioes

Leckerekekse.de

 

Uncategorized

Mein Jahr 2016 in Büchern

Meine Lieblingsbücher 2016 – 15 Lesetipps quer durch die Genres

In den letzten Wochen war es sehr ruhig auf meinem Blog, ich hoffe dass sich das in 2017 wieder ändert. Manchmal kommt einem einfach das Leben dazwischen, außerdem habe ich in letzer Zeit dann doch lieber mehr gelesen und versuche, die Rezensionen in nächster Zeit nachzuholen. Bevor ich mich aber mit den Themen für 2017 beschäftige, möchte ich gerne das Jahr 2016 Revue passieren lassen, das mich in Bezug auf Bücher und den Blog zu vielen Neuentdeckungen geführt hat. Bezüglich der Blogarbeit werde ich (hoffentlich) noch einen eigenen Artikel schreiben, zuerst werfe ich einen Blick zurück auf meine gelesenen Bücher und präsentiere meine persönlichen Highlights aus 2016. Da ich zu vielen Büchern noch keine Rezension geschrieben habe werde ich versuchen meine Leseeindrücke hier in ein paar kurzen Sätzen festzuhalten.

Die Klassiker

Lew Tolstoi – Anna Karenina: Mit diesem Roman entführt Tolstoi uns in das Russland des 19. Jahrhunderts und gibt anhand Annas Kareninas dramatischem Schicksal einen Einblick in die russische Gesellschaft der damaligen Zeit. Ein Roman, der sich leichter lesen ließ als gedacht und eine große Leseempfehlung.

Truman Capote – Kaltblütig: Mit diesem Roman begründete Capote das Genre des Tatsachenromans. Seine intensive Recherche über den Mord an einer vierköpfigen Famersfamilie im Jahre 1959 und seine zahlreichen Interviews mit den Tätern verarbeitet Capote in diesem grandiosen Roman. In diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen: Der Film Capote mit Philip Seymour Hoffman in seiner Oscar-prämierten Titelrolle, der die Entstehungsgeschichte des Romans dokumentiert und auch die kaltblütige Seite des Schriftstellers Capote zeigt. Meine Rezension findet ihr hier. 

Hans Fallada -Jeder stirbt für sich allein:  Falladas Roman über das Ehepaar Quangel, das im Berlin der 1940er-Jahre versucht, durch das anonyme Verteilen regimekritischer Postkarten gegen die Nazi-Regierung zu opponieren. Intensiv, beklemmend und immer noch aktuell. Meine Besprechung kann man hier nachlesen.

Zeitgenössische Literatur / Backlist

Continue Reading

Top Ten Thursday

Meine Top 10 der TV-Serien TTT #14

collage2Diese Woche geht es in meiner Top-Ten-Liste mal nicht um Bücher. Aber neuerdings wird ja immer wieder behauptet, dass Serien die neuen Romane sind und wenn man einen Blick auf meine Liste wirft, scheint dieser Vergleich nicht zu weit hergeholt. Im Gegensatz zu den älteren Fernsehserien, bei denen in jeder Folge eine abgeschlossene Geschichte erzählt wird, erzählen die neueren Fernsehserien in mehreren Episoden meistens eine zusammenhängende Geschichte in dessen Zentrum der oder die Protagonisten und deren Entwicklung steht, oftmals ergänzt um zahlreiche Nebencharaktere und -handlungen. Also so, wie wir es auch von guten Romanen erwarten. Welche Möglichkeiten in dieser Form des Geschichtenerzählens steckt, machen – natürlich – wieder die Amerikaner vor.  Viele der kreativen Köpfe in der amerikanischen Filmindustrie arbeiten inzwischen lieber für das Fernsehen, da dort die gestalterischen Freiheiten einfach viel größer als bei einem Kinofilm sind.

Alle Einzelheiten zur TTT-Aktion (TopTenThursday) findet ihr auf dem Blog von Steffi.

Meine Top-Ten präsentiere ich heute mal in Form von Trailern zu den Serien , leider habe ich nicht zu allen vernünftige deutsche Clips gefunden, ich hoffe, ihr verzeit mir das. Hier also zehn geniale Romane zum Anschauen (o.k., bei Tatortreiniger handelt es sich wohl eher um Kurzgeschichten):

Twin Peaks

Vorreiter für die neue Art der Fernsehserie waren David Lynch und Mark Frost, die sich mit der 1990 und 1991 erstmals ausgestrahlten Fernsehserie getraut haben, mit der üblichen Serientradition zu brechen. Sie mischen die verschiedenen Genres der Krimi-, Mystery- und Horrorserien, fügen noch eine Portion Seifenoper hinzu und kreieren daraus etwas völlig Neues.

Zur Handlung: Hauptthema ist die Aufklärung des Mordes an der Schülerin Laura Palmer durch den FBI-Agenten Dale Cooper. Seine Ermittlungen führen ihn in die dunklen Abgründe des idyllischen Ortes Twin Peaks. Der Zuschauer erhält einen tiefen Einblick in das Beziehungsgeflecht aller mit Laura Palmer in Verbindung stehenden Personen. Im späteren Verlauf der Serie kommen nach und nach immer mehr surreale Elemente hinzu. Die Serie besteht nur aus zwei Staffeln sowie einem später gedrehten Film, der den letzten Tag von Laura Palmer erzählt.

In einer der ersten Folgen der Serie trifft Cooper in einer Traumsequenz auf Laura Palmer, die ihm prophezeit „I’ll see you again in 25 years.“ Und tatsächlich wird es 2017 ein Wiedersehen geben, denn dann soll die dritte Staffel auch hier bei uns zu sehen sein. Man darf gespannt sein. Hier der Trailer zu der zuletzt veröffentlichten Blu-Ray-Box, die das gesamte bisherige Serienmaterial sowie den Film „Fire walk with me“ enthält.

Stranger Things

Amerikanische Kritiker schrieben hierzu „die Serie, die Steven Spielberg und Stephen King niemals gemacht haben“. Und tatsächlich wirkt sie auf wundervolle Art aus der Zeit gefallen. Die Handlung der Serie spielt in den 1980er-Jahren und man wird unweigerlich an die Filme Poltergeis und E.T. sowie Stephen Kings‘ „Es“ erinnert. Im Mittelpunkt stehen vier unzertrennliche Freunde, die alle auf die selbe Schule gehen. Als eines Tages einer von ihnen unter mysteriösen Umständen verschwindet, beginnen sie auf eigene Faust zu ermitteln. Eine geheime Forschungseinrichtung der Regierung sowie ein Mädchem mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten sind die weiteren Zutaten, die Stephen-King-Fans bekannt vorkommen dürften. Die Stars dieser aus nur acht Folgen bestehenden Miniserie sind eindeutig die tollen jugendlichen Darsteller, aber auch Winona Ryder liefert als Mutter des verschwundenen Jungen, die sich nicht mit dessen Tod abfinden will, ein brillantes Comeback. Die Serie ist derzeit nur auf Netflix zu sehen, aber alleine diese Serie lohnt den Preis eines Monatsbeitrags.

Breaking Bad

Für mich ein absolutes Fernseh-Highlight. Breaking Bad macht alles richtig: Bis in die Nebenrollen erstklassig besetzte Schauspieler, eine überzeugende Storyline sowie eine künstlerische Umsetzung (gefilmt wurde auf üblicherweise nur bei Kinoproduktionen eingesetztem 35mm-Film) die keine Wünsche offen lässt. Erzählt wird die Geschichte des genialen Chemikers Walter White, der zum fünfzigsten Geburtstag eine Diagnose erhält, die sein Leben auf den Kopf stellen wird: Lungenkrebs im Endstadium. Seine Hauptsorge gilt jedoch nicht ihm selber sondern seiner Frau und seinem behinderten Sohn. Woher sollen nach seinem Tod die finanziellen Mittel für deren Zukunft kommen? Nachdem er seinen Schwager Hank, der Drogenfahnder ist, bei einer Razzia begleitet, trifft er auf seinen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman, der noch gerade vor Eintreffen der Polizei das Crystal-Meth-Labor verlassen konnte. Der Anblick des sichergestellten Geldes bringt White auf eine Idee zur Zusammenarbeit mit Pinkman „You know the business – and I know the chemistry.“ Er will zusammen mit Pinkman gerade so viel Chrystal Meth verkaufen, dass er seiner Familie eine sorgenfreie Zukunft garantieren kann. Ab dann verfolgt der Zuschauer fasziniert den Aufstieg Walter Whites zum heimlichen Drogenbaron und über fünf Staffeln eine komplett gegensätzliche Entwicklung von Walter White und Jesse Pinkman. Die Serie nimmt sich erfreulicherweise viel Zeit zur Charakterisierung der einzelnen Personen und steigert die Spannung kontinuierlich bis zum Finale in der letzten Folge. Ein Meisterwerk.

Continue Reading

Krimi, On the road

Lesung mit Donna Leon – Ein Bericht

„Er ist zu gut um wahr zu sein.“ (Donna Leon über Guido Brunetti)

Die Diakonie-Buchhandlung in Düsseldorf-Kaiserswerth feiert in diesem Jahr ihr 125jähriges Bestehen und hat sich zur Feier dieses Jubliäums einen besonderen literarischen Gast nach Kaiserswerth eingeladen.

Die amerikanische Autorin Donna Leon las am 22.10.2016 aus ihrem kürzlich erschienen fünfundzwanzigsten Roman um den venezianischen Kommissar Guido Brunetti „Ewige Jugend“. Unterstützt wurde sie dabei von der Schauspielerin Annett Renneberg, die in den deutschen Verfilmungen der Romane die Signorina Elettra spielt. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung in die Mutterhauskirche der Diakonie verlegt, die einen festlichen Rahmen für die Veranstaltung bot. Annett Renneberg moderierte den Abend und las im Wechsel mit Donna Leon verschiedene Passagen des neuesten Romans. Zwischendurch war reichlich Zeit für Fragen und Anekdoten rund um die Bücher von Donna Leon.

In 35 Sprachen übersetzt – außer italienisch

Ihre Romane sind seit vielen Jahren Welterfolge und regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden. Für manche Leser ist es daher unverständlich, dass sie ihre Romane nicht auch ins Italienische übersetzen lässt. Doch Donna Leon ist ihre relative Anonymität als langjährige Einwohnerin Venedigs wichtiger als ein eventuell etwas höheres Einkommen. Mit ihren Büchern hat sie nach eigenen Worten ohnehin schon genug verdient, so dass sie jetzt einen Großteil ihres Einkommens dazu verwendet Künstler ihrer wahren Leidenschaft zu unterstützen: der klassischen Musik, insbesondere der Barockoper. Viele ihrer venezianischen Nachbarn wissen nicht, wer sie ist und damit ist sie sehr glücklich, ihr reicht es wenn die Einwohner Venedig sie als „the pleasant foreign woman who speaks good italian“ kennen. Das hilft ihr auch ihre Bodenständigkeit zu bewahren, denn wie plötzlicher Erfolg den Menschen verändern kann, hat sie in ihrer Zeit als Mäzenin junger Künstler schon miterlebt.

„I saw people getting famous and it changed them – some of them not to the best.”

Leider wird ihre Liebe zu Venedig in den letzten Jahren immer mehr von den schier unendlich erscheinenden Touristenströmen getrübt. 30 Millionen Touristen treffen auf 50.000 Einwohner, das hält keine Stadt auf Dauer aus. („I get crazy, when there are so many people. It’s like living in perpetual christmas-shopping.”). Daher verbringt Donna Leon nur noch einige Monate, vorzugweise in der kälteren Jahreszeit, in ihrer Lieblingsstadt und den Rest des Jahres in ihrem Zweitwohnsitz in der Schweiz.

Dass ihre Romane durchaus Parallelen mit der Barockoper aufweisen ist ihr erst kürzlich klar geworden. Denn die barocken Opern sind meistens unterteilt in Konversationen und Rezitative, die die Handlung voranbringen, unterbrochen von Arien, in denen Gefühle transportiert werden und die für den Handlungsverlauf nicht entscheidend sind. Tatsächlich haben wohl viele bekannte Sänger der damaligen Zeit die gleichen Arien in unterschiedlichen Stücken gesungen, da es aufgrund der Vielzahl an Engagements gar nicht möglich war alle Texte zu kennen. Als Beispiel liest sie eine Passage aus dem neuen Roman vor, in der eine nächtliche Szene bei den Brunettis beschrieben wird. Guido Brunetti findet seine Frau schlafend im Bett vor und es wird der Raum und die umherliegenden Gegenstände beschrieben sowie Brunettis Gedanken. Eine Szene, die für die Handlung des Romans nicht wichtig ist, jedoch eine Menge an Gefühlen transportiert. Diese Szene, so Donna Leon, könnte in jedem ihrer Romane auftauchen, da diese Szenen untereinander austauschbar, aber zur Charakterisierung der Protagonisten sehr wichtig sind.

Nach dem ausführlichen Lesungsteil hatten die Zuschauer noch die Möglichkeit Fragen zu stellen. Einige möchte ich gerne hier wiedergeben:

Diese obligatorische Frage durfte natürlich nicht fehlen: „Woher nehmen sie ihre Ideen?“

Die meisten ihrer Ideen kommen ihr zufällig, einige schnappt sie bei Unterhaltungen in Cafés auf, manchmal birgt auch eine kurze Zeitungsmeldung die Idee für einen Roman. Der Schreibprozess selber hört sich aus ihrem Munde gar nicht so kompliziert an. In den ersten zwei Kapiteln haben die Protagonisten noch eine Vielzahl von Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, mit Fortschreiten der Handlung werden die Variablen aber immer weniger, so dass sich der weitere Stoff fast von selbst ergibt.

„Denken Sie auch in Alltagssituationen an Brunetti oder wie er sich verhalten würde?“

Nein, sie beschäftige sich mit ihren Romanfiguren ausschließlich  dann, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt und an einem Roman arbeitet.donna-leon-klein-300

„Do you like the movies?“ „Next question!“ antwortet sie nur lächelnd mit einem Blick auf Annett Renneberg, sie ist wohl zu höflich für ehrliche Worte. Vermutlich geht es ihr wie mir: der italienische Flair der Romane kommt in den Verfilmungen nicht wirklich rüber – irgendwie wirken diese einfach zu „deutsch“ und erinnern zu stark an die klassischen deutschen Fernsehkrimis wie „Derrick“ oder „Der Alte“.

„Was sagt sie zum Literaturnobelpreis für Bob Dylan?“

Donna Leon schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „I don’t understand that. I can’t listen to a voice that is that ugly.” Annett Renneberg spart sich eine Übersetzung und sagt nur: “Donna Leon ist jetzt nicht so der Bob-Dylan-Fan.“

Alles in allem ein sehr kurzweiliger und informativer Abend mit einer äußerst sympathischen, bodenständigen Schriftstellerin. Dass die von ihr fomulierte Einstellung vieler Amerikaner („we are all the same – except Donald Trump!“) nicht nur leere Worte sind, merkt man, sobald man sie anspricht. Meinen Dank für’s gemeinsame Foto beantwortet sie mit einem schlichten „Thanks for asking.“

Wer die Chance hat Donna Leon live zu erleben sollte die Gelegenheit nutzen.

Weitere Informationen zu Donna Leon und ihren Büchern findet ihr natürlich auf der Seite des diogenes-Velags.

Einen weiteren lesenwerten Artikel über Donna Leon sowie eine kurze Vorstellung der drei zuletzt erschienen Romane findet ihr auch auf dem Blog der Buchlotsin.

Top Ten Thursday

Bücher zum Thema Weltkrieg – Eine Leseliste – TTT #13

Diese Woche geht es bei der Aktion von Steffis Bücherbloggeria um das meines Erachtens sehr wichtige Thema „10 Bücher, die zur Zeit der Weltkriege spielen“, daher bin ich gerne wieder mit dabei. Gerade wenn es um solche Themen geht, zeigt sich wie wichtig es ist Erinnerungen an historische Ereignisse auch in Form von Literatur für die Nachwelt zu erhalten. Dies ist umso bedeutsamer, da es bald keine überlebenden Zeitzeugen eines Weltkrieges mehr geben wird. Die Infos zum TTT – Top Ten Thursday – findet ihr auf dem Blog von Steffi.

Hier meine ganz persönliche Empfehlungsliste:

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Mit dem Urteil „ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte“ bin ich sehr zurückhaltend, bei diesem Fall würde ich jedoch gerne eine Ausnahme machen. Remarque schildert in einer sehr schönen Sprache anhand des Schicksals des Soldaten Paul Bäumer und seiner Gefährten die Schrecken des ersten Weltkrieges und macht fast körperlich spürbar, was es bedeutet, an vorderster Front in einem Krieg zu kämpfen. Ein Buch, das (wieder) zur Pflichtlektüre an allen Schulen gehören sollte.

„Mit diesem Roman begründete Erich Maria Remarque seinen Weltruhm und schuf ein zeitlos gültiges Bild der Schrecken des modernen Krieges. Zum hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns 1914 erscheint eine besonders ausgestattete, mit einem Nachwort zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte versehene Sonderausgabe.
Die Geschichte des neunzehnjährigen Paul Bäumer, der als ahnungsloser Kriegsfreiwilliger von der Schulbank an die Front kommt, ist inzwischen Allgemeingut. Auch bei der erneuten Lektüre ist der Eindruck jedoch wieder erschütternd: Wie Bäumer statt der erhofften Kriegsbegeisterung und eines kurzen Abenteuers die ganze Brutalität des Gemetzels und das sinnlose Sterben seiner Kameraden erlebt, ist anrührend und empörend.
Durch diese Abrechnung mit dem Krieg erlangte Erich Maria Remarque 1929 schlagartig Weltruhm – auch dank einer ausgeklügelten Publikations- und Marketingstrategie, über die das Nachwort von Thomas F. Schneider, Leiter des Remarque-Friedenszentrums der Universität Osnabrück, Auskunft gibt. Remarque schuf einen Klassiker der Weltliteratur mit ungebrochener Wirkung bis in unsere Gegenwart.“ (Klappentext des Kiwi-Verlags)

Auch sehenswert: Die Besprechung der Neuausgabe im Literaturclub des srf.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, gebunden (auch als Taschenbuch verfügbar), ISBN 9783462045819, 15,00 Euro

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Dieses Mammutwerk sorgte bei seinem Erscheinen für Aufsehen und kontroverse Diskussionen. In Frankreich, wo das Buch zuerst erschien, war es ein Riesenerfolg und wurde sowohl mit dem Prix Concourt als auch mit dem Romanpreis der Académie française ausgezeichnet. Auf 1400 Seiten erzählt Littell aus der Ich-Perspektive die Erinnerungen des fiktiven SS-Offiziers Dr. Maximilian Aue an seine Erlebnisse während des zweiten Weltkrieges. Der Autor hat einen enormen Rechercheaufwand betrieben und lässt seine Hauptperson mit zahlreichen historisch belegten Persönlichkeiten wie Adolf Eichmann und Heinrich Himmler zusammentreffen und führt im Verlauf des Romans zu bekannten Schauplätzen des zweiten Weltkrieges und des Holocausts. Dr. Aues Erlebnisse an Orten wie Babyn Jar, Stalingrad und Auschwitz sind für den Leser einerseits stellenweise schwer zu ertragen, vermitteln aber andererseit ein unglaublich realistisches Gefühl für diese dunklen Stunden der deutschen Geschichte. Was mich etwas an dem Roman gestört hat ist, dass die Hauptperson sich und sein Tun niemals in Frage stellt, eine Reflexion seiner Taten fehlt völlig.

Besonders beeindruckt zeigte sich der Schriftsteller und Buchenwald-Überlebende Jorge Semprún: „Ich war wie erschlagen von diesem unglaublichen Buch. Es ist das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte. Ich sehe nicht, welches andere Buch in den nächsten Jahrzehnten an seine Wirkung heranreichen könnte.“

„Dieses Buch ist Stoff für die nächsten fünfzig Jahre. Wir hätten eine etwas bessere Welt, wenn jeder es lesen würde.« Claus Peymann, in Lesen! ZDF

Im Februar 2008 erschien im Berlin Verlag der Roman, den Jorge Semprun als »das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte « bezeichnet: Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell. Über Monate hielt er die deutsche Literaturkritik in Atem. Mit den fiktiven Lebenserinnerungen des SS-Obersturmführers Maximilian Aue, Jahrgang 1913, Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, zeichnet Jonathan Littell ein erschreckend detailgenaues Bild des Zweiten Weltkriegs und der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten aus Sicht eines Täters. »Das ist ein Roman, und das ist ein Autor, vor denen man sich verneigen muss«, schrieb Andreas Isenschmid in der NZZ am Sonntag.“ (von der Seite des Piper-Verlags)

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten, Roman, aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober , 1392 Seiten, Taschenbuch, Berlin Verlag, ISBN 9783833306280, 18,00 Euro

Lothar-Günther Buchheim: Das Boot

Im Gegensatz zu Jonathan Littell war Lothar-Günther Buchheim ein Augenzeuge des Weltkrieges und seine Erzählungen lassen einen die Schrecken des U-Boot-Krieges während des zweiten Weltkrieges unmittelbar miterleben. In diesem Fall kann ich auch sehr die Verfilmung von Wolfgang Petersen empfehlen, rate aber dringend zu der mehrteiligen Fernsehfassung. In der Serie aus dem Jahre 1981 spielten fast alle seinerzeit bekannten männlichen Schauspieler des deutschen Kinos mit (Jürgen Prochnow, Klaus Wennemann, Otto Sander, Martin Semmelrogge, Herbert Grönemeyer, Heinz Hoenig und Jan Fedder um nur einige zu nennen). Zu den ohnehin schon beängstigenden Kriegserlebnissen kommt im Roman wie im Film noch die klaustrophobische Enge des U-Boots hinzu.

„Jedes Wort dieses Buches ist wahr. Lothar-Günther Buchheim war im Zweiten Weltkrieg Marinekriegsberichterstatter. Als ein Mann, der sich zur Zeugenschaft aufgerufen fühlt, weil er extreme Situationen erlebte und überlebte, geht es ihm um die genaue Wiedergabe der Ereignisse, um die Beschwörung der Wochen und Monate quälender Gefangenschaft in der Enge des Bootes, um die Stunden der Angst und die dramatischen Augenblicke des Kampfes.“ (von der Seite des Piper-Verlags)

Lothar Günther-Buchheim: Das Boot, Roman, 608 Seiten, Taschenbuch, Piper Verlag, ISBN 9783492244657, Euro 12,99 Continue Reading