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November 2016

Krimi, On the road

Lesung mit Donna Leon – Ein Bericht

„Er ist zu gut um wahr zu sein.“ (Donna Leon über Guido Brunetti)

Die Diakonie-Buchhandlung in Düsseldorf-Kaiserswerth feiert in diesem Jahr ihr 125jähriges Bestehen und hat sich zur Feier dieses Jubliäums einen besonderen literarischen Gast nach Kaiserswerth eingeladen.

Die amerikanische Autorin Donna Leon las am 22.10.2016 aus ihrem kürzlich erschienen fünfundzwanzigsten Roman um den venezianischen Kommissar Guido Brunetti „Ewige Jugend“. Unterstützt wurde sie dabei von der Schauspielerin Annett Renneberg, die in den deutschen Verfilmungen der Romane die Signorina Elettra spielt. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung in die Mutterhauskirche der Diakonie verlegt, die einen festlichen Rahmen für die Veranstaltung bot. Annett Renneberg moderierte den Abend und las im Wechsel mit Donna Leon verschiedene Passagen des neuesten Romans. Zwischendurch war reichlich Zeit für Fragen und Anekdoten rund um die Bücher von Donna Leon.

In 35 Sprachen übersetzt – außer italienisch

Ihre Romane sind seit vielen Jahren Welterfolge und regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden. Für manche Leser ist es daher unverständlich, dass sie ihre Romane nicht auch ins Italienische übersetzen lässt. Doch Donna Leon ist ihre relative Anonymität als langjährige Einwohnerin Venedigs wichtiger als ein eventuell etwas höheres Einkommen. Mit ihren Büchern hat sie nach eigenen Worten ohnehin schon genug verdient, so dass sie jetzt einen Großteil ihres Einkommens dazu verwendet Künstler ihrer wahren Leidenschaft zu unterstützen: der klassischen Musik, insbesondere der Barockoper. Viele ihrer venezianischen Nachbarn wissen nicht, wer sie ist und damit ist sie sehr glücklich, ihr reicht es wenn die Einwohner Venedig sie als „the pleasant foreign woman who speaks good italian“ kennen. Das hilft ihr auch ihre Bodenständigkeit zu bewahren, denn wie plötzlicher Erfolg den Menschen verändern kann, hat sie in ihrer Zeit als Mäzenin junger Künstler schon miterlebt.

„I saw people getting famous and it changed them – some of them not to the best.”

Leider wird ihre Liebe zu Venedig in den letzten Jahren immer mehr von den schier unendlich erscheinenden Touristenströmen getrübt. 30 Millionen Touristen treffen auf 50.000 Einwohner, das hält keine Stadt auf Dauer aus. („I get crazy, when there are so many people. It’s like living in perpetual christmas-shopping.”). Daher verbringt Donna Leon nur noch einige Monate, vorzugweise in der kälteren Jahreszeit, in ihrer Lieblingsstadt und den Rest des Jahres in ihrem Zweitwohnsitz in der Schweiz.

Dass ihre Romane durchaus Parallelen mit der Barockoper aufweisen ist ihr erst kürzlich klar geworden. Denn die barocken Opern sind meistens unterteilt in Konversationen und Rezitative, die die Handlung voranbringen, unterbrochen von Arien, in denen Gefühle transportiert werden und die für den Handlungsverlauf nicht entscheidend sind. Tatsächlich haben wohl viele bekannte Sänger der damaligen Zeit die gleichen Arien in unterschiedlichen Stücken gesungen, da es aufgrund der Vielzahl an Engagements gar nicht möglich war alle Texte zu kennen. Als Beispiel liest sie eine Passage aus dem neuen Roman vor, in der eine nächtliche Szene bei den Brunettis beschrieben wird. Guido Brunetti findet seine Frau schlafend im Bett vor und es wird der Raum und die umherliegenden Gegenstände beschrieben sowie Brunettis Gedanken. Eine Szene, die für die Handlung des Romans nicht wichtig ist, jedoch eine Menge an Gefühlen transportiert. Diese Szene, so Donna Leon, könnte in jedem ihrer Romane auftauchen, da diese Szenen untereinander austauschbar, aber zur Charakterisierung der Protagonisten sehr wichtig sind.

Nach dem ausführlichen Lesungsteil hatten die Zuschauer noch die Möglichkeit Fragen zu stellen. Einige möchte ich gerne hier wiedergeben:

Diese obligatorische Frage durfte natürlich nicht fehlen: „Woher nehmen sie ihre Ideen?“

Die meisten ihrer Ideen kommen ihr zufällig, einige schnappt sie bei Unterhaltungen in Cafés auf, manchmal birgt auch eine kurze Zeitungsmeldung die Idee für einen Roman. Der Schreibprozess selber hört sich aus ihrem Munde gar nicht so kompliziert an. In den ersten zwei Kapiteln haben die Protagonisten noch eine Vielzahl von Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, mit Fortschreiten der Handlung werden die Variablen aber immer weniger, so dass sich der weitere Stoff fast von selbst ergibt.

„Denken Sie auch in Alltagssituationen an Brunetti oder wie er sich verhalten würde?“

Nein, sie beschäftige sich mit ihren Romanfiguren ausschließlich  dann, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt und an einem Roman arbeitet.donna-leon-klein-300

„Do you like the movies?“ „Next question!“ antwortet sie nur lächelnd mit einem Blick auf Annett Renneberg, sie ist wohl zu höflich für ehrliche Worte. Vermutlich geht es ihr wie mir: der italienische Flair der Romane kommt in den Verfilmungen nicht wirklich rüber – irgendwie wirken diese einfach zu „deutsch“ und erinnern zu stark an die klassischen deutschen Fernsehkrimis wie „Derrick“ oder „Der Alte“.

„Was sagt sie zum Literaturnobelpreis für Bob Dylan?“

Donna Leon schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „I don’t understand that. I can’t listen to a voice that is that ugly.” Annett Renneberg spart sich eine Übersetzung und sagt nur: “Donna Leon ist jetzt nicht so der Bob-Dylan-Fan.“

Alles in allem ein sehr kurzweiliger und informativer Abend mit einer äußerst sympathischen, bodenständigen Schriftstellerin. Dass die von ihr fomulierte Einstellung vieler Amerikaner („we are all the same – except Donald Trump!“) nicht nur leere Worte sind, merkt man, sobald man sie anspricht. Meinen Dank für’s gemeinsame Foto beantwortet sie mit einem schlichten „Thanks for asking.“

Wer die Chance hat Donna Leon live zu erleben sollte die Gelegenheit nutzen.

Weitere Informationen zu Donna Leon und ihren Büchern findet ihr natürlich auf der Seite des diogenes-Velags.

Einen weiteren lesenwerten Artikel über Donna Leon sowie eine kurze Vorstellung der drei zuletzt erschienen Romane findet ihr auch auf dem Blog der Buchlotsin.