Rezension

Andreas Pflüger: Endgültig

Mit Endgültig legt der mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautor Andreas Pflüger seinen zweiten Roman vor und präsentiert uns einen spannenden Thriller mit einer unvergesslichen  Protagonistin.

Jenny Aaron, Tochter eines hochdekorierten GSG9-Beamten, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters und erkämpft sich dank ihrer außergewöhnlichen Leistungen einen Platz in der hauptsächlich von Männern dominierten Welt der Kriminalpolizei. Nach einem spektakulären Fall wird sie in die „Abteilung“ berufen, eine auf Terrorabwehr und Personenschutz spezialisierte Einheit der Polizei, die so geheim ist, dass sie noch nicht mal eine offizielle Bezeichung trägt. Bei einer Undercover-Mission in Barcelona wird sie schwer verletzt, verliert ihr Augenlicht und die Erinnerung an die entscheidenden Minuten des Einsatzes. Doch die starke Frau gibt nicht auf und trainiert hart um sich ein Stück weit ihr altes Leben zurückzuerobern. Sie kann zwar nicht mehr bei einer aktiven Einheit eingesetzt werden, erarbeitet sich jedoch eine angesehene Stellung als Fallanalytikerin und Verhörspezialistin bem BKA. Ihr fehlendes Augenlicht hat Jenny durch die intensive Nutzung ihrer anderen Sinne kompensiert (wem das Setting bekant vorkommt: der Autor erwähnt -mit Sicherheit nicht unabsichtlich- in einem Nebensatz den ebenfalls erblindeten Comichelden Daredevil).

„Von ihr erwartet man hingegen, dass sie sieht, was den Sehenden verborgen bleibt, die Wahrheit erspürt, wie nur sie es vermag, Man will, dass sie richtet. Eine Befreiung ist es nicht für sie, sondern ein Gefängnis. Aber eins hat sie mit Gantenben gemein: Jene, die etwas zu verbergen haben, fürchten sie, wenn sie erkennen, dass sie gar nicht blind ist.“ (Seite 78)

In ihrer Funktion als Verhöspezialistin wird sie eines Tages an den Tatort in einem Berliner Gefängnis gerufen. Dort hat ein von ihr festgenommener Täter eine Psychologin in seiner Zelle ermordet. Eine Erklärung will er nur ausschließlich gegenüber Jenny Aaron persönlich abgeben. Die Beschäftigung mit diesem Fall wird Jenny zurückführen in ihre Vergangenheit und sie mit der Wahrheit konfrontieren, warum sie bei ihrem Barcelona-Einsatz den Kollegen und Freund zurückließ.

Was sich in der Kurzbeschreibung vielleicht nach einem Thriller anhört, der den üblichen Genre-Konventionen folgt, entpuppt sich beim Lesen jedoch als das genaue Gegenteil. Schon die Wahl der Hauptperson weicht deutlich von den gängigen Frauenrollen in den meisten Thrillern ab. Sind diese meistens auf die Rolle der Assisstentin oder der Gerichtsmedizinerin festgelegt, haben wir es hier mit einer hochintelligentin, selbstbewußten Frau zu tun, die sich vor ihren männlichen Kollegen nicht verstecken braucht. Ein Profi unter Profis.

„Nichts beruhigt sie so wie das Reinigen ihrer Waffe. Jeder andere müsste die Patronenkammer kontrollieren, um sicherzugehen, dass sie leer ist. Sie nicht. Sie kennt das Gewicht des Magazins, das in ihre Hand gleitet, aufs Gramm genau. Sie weiß, dass keine Patrone im Lauf der Browning High-Power ist, wie sie weiß, daß ihre Augen grün sind. Und manchmal schwarz.“ (Anfang des Buches)

Dennoch schafft es Andreas Pflüger, die Mitglieder der Polizeieinheit, ebenso wie Jenny Aaron auch, nicht als aalglatte Superhelden darzustellen. Alle haben neben ihren Stärken auch menschliche Schwächen und Fehler, die aus dem Romanpersonal glaubwürdige Charaktere machen. Auch die Zeichnung von Jennys Gegenspieler weicht deutlich von der üblichen Schwarz-Weiß-Malerei ab.

Mit dem verwendeten Schreibstil ist Andreas Pflüger ein besonderes Kunststück gelungen, das jedoch vermutlich nicht allen Lesern auf Anhieb gefallen wird. In den anfänglichen Actionszenen verwendet der Autor einen stakkatohaften Stil, dem man deutlich die „filmische“ Erfahrung Pflügers anmerkt. Szenen, bei denen man die hektischen Kameraschwenks und die schnellen Schnitte praktisch vor Augen sieht und fast körperlich wahrnimmt. Im weiteren Verlauf wechselt die Erzählweise oft unvermittelt, so dass man manchmal nicht sofort weiß ob es sich jetzt um eine aktuelle Handlung, eine Erinnerung oder eine Vor- oder Rückblende handelt. Ich muss zugeben: Das hat mich anfangs etwas genervt. Doch mit Fortschreiten der Lektüre wird die Absicht des Autors hinter dieser Vorgehensweise klar. Ebenso wie die Hauptperson des Romans nicht sehen kann, was um sie herum passiert, jedoch gleichzeitig  unzählige andere Sinneseindrücke aufnimmt, wird auch der Leser dieser Unmittelbarkeit des Erlebens ausgesetzt.  So schafft der Autor etwas außergewöhnliches: Wir werden praktisch in den Kopf der blinden Heldin hineinversetzt und sind der Umwelt -im Gegensatz zu Jenny Aaron- zunächst hilflos ausgeliefert.

Mit Jenny Aaron hat Andreas Pflüger eine starke Frauenfigur geschaffen, die mich mit ihren außergwöhnlichen Fähigkeiten und ihren traumatischen Erlebnissen mehr als einmal an Lisbeth Salander aus der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson erinnert hat. Wie der Autor im Nachwort andeutet, werden wir der sympathischen Heldin wohl bald wieder begegnen. Ich freue mich schon darauf. Wer bereit ist, sich auf den anfangs etwas verwirrenden Schreibstil einzulassen, wird mit einem spannenden und ungewöhnlichen Thriller belohnt, dessen Heldin man nicht so schnell vergessen wird.

In seinem Nachwort verweist Andreas Pflüger auf die umfangreichen Recherchen, die er für für dieses Buch durchgeführt hat und gibt auch konkrete Leseempfehlungen für weitere Literatur, die auf die erstaunlichen Fähigkeiten von blinden Menschen eingeht. Großes Dank an den Autor, dass er uns diese, für die meisten Menschen unbekannte Welt, so nahe gebracht hat.

Die gelungene Buchgestaltung mit dem gelben Schnitt und dem erhabenen,  in Braille-Schrift gedruckten, Titel auf dem Coverumschlag runden den positiven Gesamteindruck ab.

Das RezenEndgültig Pflügersionsexemplar wurde vom Suhrkamp-Verlag im Rahmen einer Lovelybooks-Aktion zur Verfügung gestellt.

Buchdaten: Andreas Pflüger: Endgültig, Suhrkamp Verlag,Erscheinungstermin: 07.03.2016, 459 Seiten, EUR 19,95, ISBN 978-3-518-42521-3

 

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4 Comments

  • Reply Silvia 6. Juni 2016 at 11:42

    Diesen Krimi fand ich auch klasse. Vor allem, wenn erklärt wurde, wie sich Jenny als Blinde in der Welt orientiert und zurechtfindet

    • Reply Thomas 6. Juni 2016 at 22:02

      Hallo Silvia,
      ja, ging mir auch so. Das „Klick-Sonar“ erschien mir erst etwas weit hergeholt, scheint aber tatsächlich zu funktionieren, wie man dem Nachwort entnehmen kann.
      Gruß
      Thomas

  • Reply Johanna 8. Juni 2016 at 12:14

    Was meinst du denn damit, dass Jenny nicht wie anderen weiblichen Thriller-Protagonisten sei? Allgemein werden die doch immer auch so porträtiert: eine „hochintelligentin, selbstbewußten Frau zu tun, die sich vor ihren männlichen Kollegen nicht verstecken braucht. Ein Profi unter Profis.“

    • Reply Thomas 8. Juni 2016 at 19:47

      Hallo Johanna,
      o.k. ich gebe zu, dass hängt natürlich sehr von den individuellen Leseerfahrungen ab. Meine letzten Krimis von Don Winslow und Lee Child konnten nicht mit solchen Frauenfiguren aufwarten. Bei James Lee Burkes „Regengötter“ waren zwar ungewöhnlich starke Frauenfiguren vertreten, jedoch auch nicht als solche Heldinnen wie hier beschrieben. Das hatte mich bei „Edngültig“ stellenweise an einen weiblichen Jack Reacher denken lassen.
      Gruß
      Thomas

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