Rezension

Daphne Du Maurier: Rebecca

Ihr wollt eine tragische Liebesgeschichte mit Krimi- und Schauererlementen lesen? Dann könnte dieser Roman etwas für euch sein. Der 1938 erstmals veröffentlichte Roman der englischen Autorin Daphne Du Maurier greift geschickt Elemente des Gothic-Novel auf und bedient sich ganz offensichtlich zahlreicher Parallelen zu Jane Eyre von Charlotte Bronte.

Der Roman beginnt in Monte Carlo, wo die junge, namenlose Ich-Erzählerin als Gesellschafterin einer Möchtegern-Aristokratin arbeitet. Dort lernt sie den zunächst sehr zurückhaltenden Maxim de Winter kennen, einen wesentlich älteren englischen Witwer, der aus reichem Hause stammt und dem das sagenumwobene Anwesen „Manderley“ in Cornwall gehört. De Winter findet Gefallen an der jungen Dame, die sich ebenfalls verliebt. Kurzentschlossen heiraten die beiden.

Sie könnten jetzt ein sorgloses und glückliches Leben in England führen, doch schon bald beginnt die junge Braut zu merken, dass sie gegen die übermächtigen Erinnerungen an ihre Vorgängerin, die verstorbene Rebecca De Winter, keine Chance hat.  Auf Manderley führt die intrigante Haushälterin Mrs. Danvers ein eisernes Regiment und sie lässt die junge Mrs. de Winter bei jeder Gelegenheit spüren, dass diese Rebecca nicht ebenbütig ist. Bereits ihre erste Begegnung macht die Rollenverteilung klar:

„Eine Gestalt löste sich aus der Menge, hager und groß, in tiefes Schwarz gekleidet; die hervorstechenden Backenknochen und tief liegenden großen Augen gaben ihrem pergamentenen Gesicht das Aussehen eines Todesschädels. Sie kam auf mich zu, und ich streckte ihr meine Hand entgegen und beneidete sie um ihre würdige und gemessene Haltung; aber die Hand, die die meine ergriff, war schwer und schlaff, eiskalt, und fühlte sich an wie ein lebloses Ding.“ (Seite 83)

Geradezu unheimlich wirkt der Umstand, dass Rebeccas Zimmer in Manderley unverändert bleiben und jeden Tag so hergerichtet werden, als würde die Verstorbene jeden Moment wieder zurückkommen. Das frisch vermählte Ehepaar wird in einem anderen Teil des Anwesens untergebracht.

Über die näheren Umstände von Rebeccas Tod schweigt sich Maxim de Winter aus und seine junge Frau muss sich nach und nach die Einzelheiten zusammenreimen. Schließlich erfährt sie, dass Rebecca bei einem Bootsunfall ertrunken ist. Dass ihr Mann, sobald er darauf angesprochen wird, äußerst ungehalten reagiert, lässt erahnen, dass noch nicht alle Einzelheiten von  Rebeccas Tod restlos aufgeklärt sind. Als ein Schiff an der Küste vor Manderley kentert und bei den Aufräumarbeiten das Schiff, mit dem Rebecca verunglückte, gefunden wird, überschlagen sich die Ereignisse.

Der Roman benötigt einige Zeit, bis sich die Spannung aufgebaut hat, aber spätestens ab der zweiten Hälfte fiebert man der Aufklärung des Geheimnisses von Manderley entgegen. Die Ich-Perspektive und die Tatsache, dass die Erzählerin aus ihrem gewohnten Umfeld in eine ihr völlig fremde Umgebung „geworfen“ wird sorgen dafür, dass auch beim Leser eine unheimliche und bedrohliche Stimmung aufkommt.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich über die Darstellung der Protagonistin teilweise geärgert habe. Sie wird anfangs sehr naiv und einfältig dargestellt. Ich frage mich, ob die Autorin sich hier mit der Hauptperson indentifiziert hat. Wenn ja, lässt das nicht gerade auf ein gesundes Selbstbewusstsein schließen. Im zweiten Teil wandelt sich zwar ihr Auftreten und sie wird deutlich selbstbewusster, die Wandlung wird für mich aber nicht nachvollziehbar erklärt.

Da ist doch die Heldin in Jane Eyre eine Frau von ganz anderem Kaliber. Sie macht zwar auch eine traumatische Kindheit durch, ist in ihrem späteren Auftreten aber deutlich autonomer und selbstbewusster und damit ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Deswegen ist der von vielen Lesern geführte Vergleich der beiden Romane für mich nicht ganz schlüssig. Beide verlieben sich zwar in deutlich ältere Männer, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen und in beiden Romanen spielt ein düsteres Anwesen eine wichtige Rolle, allerdings hören da die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Alles in allem handelt es sich beim dem Roman nicht unbedingt um Weltliteratur, man kann ihn aber doch schon zur anspruchsvolleren Unterhaltungsliteratur rechnen.

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Laurence Olivier und Joan Fontaine

Die Hitchcock-Verfilmung aus dem Jahr 1940 mit Laurence Olivier (Maxim de Winter) und Joan Fontaine (die zweite Mrs. de Winter) orientiert sich weitestgehend an der Romanhandlung, weicht aber in einem kleinen, aber entscheidendem Detail von der Romanvorlage ab. Der Film hat mir ebenfalls gut gefallen, insbesondere die Rolle der Mrs. Danvers (Judith Anderson) fand‘ ich gut besetzt.

Buchdaten:
Titel: Rebecca
Verlag: Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596902750 (nicht mehr lieferbar)

36134Seit kurzem ist eine Neuübersetzung im Insel Verlag als Taschenbuch erhältlich:

ISBN: 9783458361343
Übersetzer: Christel Dormagen, Brigitte Heinrich
Seitenzahl: 524

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