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Der Deutsche Buchpreis – Rückblick und Ausblick

Am 15. August 2017 ist es wieder soweit, mit der Veröffentlichung der Longlist geht der Deutsche Buchpreis wieder in die heiße Phase des Auswahlverfahrens. Zeit, einen kurzen Blick zurückzuwerfen und uns die diesjährige Jury anzusehen.

Im letzten Jahr ging es mir hauptsächlich darum, herauszufinden, ob die Titel der Longlist auch für den „normalen“ Buchleser (also die Leser, die sich nicht von Berufs wegen mit neuer deutscher Literatur beschäftigen) interessant sind. Obwohl ich bisher nur vier Titel (sowie die Leseproben der übrigen Bücher) der Longlist gelesen habe, kann ich sagen: Ja, die Auswahl hat meines Erachtens für fast alle Leser interessante Titel zu bieten. Von der leicht zu lesenden Autobiographie (Joachim Meyerhoff) über die durchaus auch für jugendliche Leser geeignete Dystopie (Thomas von Steinaecker) bis zum literarischen Experiment (Michelle Steinbeck) reicht die Bandbreite der nominierten Bücher. Alle Infos zur Longlist des letzten Jahres habe ich in meinem Artikel zusammengefasst, weitergehende Informationen und Leseproben gibt es direkt auf der Seite des Deutschen Buchpreis.

Rückblick auf 2016

Zu den von mir gelesenen Longlist-Titeln habe ich (bis auf einen) keine Rezensionen geschrieben, daher stelle ich sie hier nochmal mit einer Kurzmeinung vor:

Philipp Winkler: Hool

Fußballfans, Ultras, Hooligans – für Menschen wie mich, die nur alle paar Jahre mal Fußball gucken, waren die Grenzen bei diesen Bezeichnungen nicht klar. Philipp Winkler liefert mit seinem Debutroman einen starken Einblick in die bizarre Welt der Hooligans, bei denen es nur am Rand um Fußball geht und man eigentlich nur zu Fußballspielen fährt um sich mit den Hooligans anderer Vereine zu prügeln. Dass es hierbei auch so etwas wie „Regeln“ gibt, gehört zu den erstaunlichen Einsichten, die dieses Buch liefert. Ein intensives und beeindruckendes Leseerlebnis, das wie erwartet auch einige harte Passagen enthält. Unbedingte Leseempfehlung und mein persönlicher Siegertitel.

Inhaltsbeschreibung von der Seite des Aufbau-Verlags: „Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben.“

 

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses

Deutschland in einer nicht zu weit entfernten Zukunft: Der Klimawandel hat die schützende Ozonschicht der Erde zerstört und das Leben auf dem Planeten fast unmöglich gemacht, die Menschen sind gezwungen sich unter riesigen Schutzschirmen aufzuhalten, wo sie vor der gefährlichen Strahlung sicher sind. Eine Handvoll Überlebender hat sich unter einem Schutzschirm auf einer Berchtesgadener Alm so etwas wie ein „normales Leben“ aufgebaut. Als jedoch der Schutzschirm zusammenbricht, sind die Bewohner gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Thomas von Steinaecker legt hier einen starken Roman vor, den man „nur“ als Dystopie lesen kann, der jedoch auch die Themen „Flüchtlingsproblematik“ und „Veränderung der Sprache“ anspricht und damit weit über das Endzeit-Szenario hinausgeht. Eine ausführliche Vorstellung habe ich hier geschrieben.

Inhaltsbeschreibung von der Seite des Fischer-Verlags: „Thomas von Steinaecker schreibt einen atemberaubenden Roman über die Zukunft unserer Gegenwart: literarisch virtuos, philosophisch radikal und zutiefst berührend. Er möchte ein guter Mensch sein. Aber Heinz lebt in einer Welt, die Menschlichkeit nicht mehr zulässt. Deutschland ist verseucht und verwüstet, Mutanten streifen umher, am Himmel kreisen außer Kontrolle geratene Drohnen. Zusammen mit seinem besten Freund, einem elektrischen Wüstenfuchs, dem Fennek, wächst Heinz in einer kleinen Gruppe Überlebender in den Bergen auf. Er nimmt sich vor, die verlorene Zivilisation zu bewahren, sammelt vergessene Wörter und schreibt die Geschichte der letzten Menschen. Doch was nützen Heinz Wissen und Kunst jetzt noch? Da gibt es plötzlich das Gerücht, weit im Westen existiere ein Flüchtlingslager. Und die Gruppe bricht auf zu einem mörderischen Marsch ins vermeintliche Paradies …“

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Für den Erfolg hätte es die Longlist-Nominierung nicht gebraucht – auch vorher stand das Buch bereits wochenlang auf der Bestsellerliste. Dennoch hat es mich gefreut, dieses Buch auf der Longlist zu sehen, da es ja offensichtlich viele Leser anspricht. Ich war bereits durch den denkwürdigen Auftritt des Autors in der NDR-Talkshow auf das Buch aufmerksam geworden und war froh, dass ich es jetzt auch selbst lesen konnte. In dem dritten Band seiner autobiographischen Buchreihe erzählt Joachim Meyerhoff von seinen Erlebnissen auf einer Münchener Schauspielschule und wie er die dortige Zeit mit Hilfe seiner Großeltern, bei denen er während dieser Zeit gelebt hat, gemeistert hat. Das ist ihm hier so kurzweilig und gut gelungen, dass es zu einem meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres geworden ist. Selten habe ich bei der Lektüre eines Buches so gelacht – bei aller Heiterkeit hält das Buch aber auch nachdenkliche Momente bereit. Große Leseempfehlung! Das Buch kann man meines Erachtens auch lesen, ohne die vorherigen Bände zu kennen. Band vier der Reihe erscheint im Herbst diesen Jahres.

Inhaltsbeschreibung von der Seite des KiWi-Verlages: „Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, die Schulzeit hat er überstanden, als vor dem Antritt des Zivildienstes das Unerwartete geschieht: Joachim wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht zu seinen Großeltern in die großbürgerliche Villa in Nymphenburg. Er wird zum Wanderer zwischen den Welten. Seine Großmutter war selbst Schauspielerin und ist eine schillernde Diva, sein Großvater ist emeritierter Philosophieprofessor, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine wesentliche Rolle spielt. Tagsüber wird Joachim an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, abends ertränkt er seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken. Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die den Erzähler völlig überfordernden Ereignisse – und gleichzeitig entgeht ihm nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren soll und dabei oft grandios versagt. Joachim Meyerhoff hat seine Kunst, Komik und Tragik miteinander zu verbinden, noch verfeinert. Sein Held nimmt sich und seine Umwelt immer genauer wahr und erkennt überall Risse, Sprünge, Lücken. Ein fulminantes Lesevergnügen!“

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Der mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnete Siegertitel von Bodo Kirchhoff konnte mich nicht so recht überzeugen. Zugegeben, Sprache und Stil des Buches zeigen eine große literarische Qualität, das merkt man besonders, wenn man das Vergnügen hat, den Autor selbst bei einer Lesung zu erleben. Das Thema des Buches kann meines Erachtens mit der Form jedoch nicht mithalten. Mir drängt sich daher der Eindruck auf, dass hier weniger ein einzelnes Buch, als das Gesamtwerk eines Autors ausgezeichnet werden sollte. Es macht jedenfalls Lust darauf andere Titel von Bodo Kirchhof zu entdecken.

Inhaltsbeschreibung von der Internetseite der Frankfurter Verlagsanstalt: „Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist … Kirchhoff erzählt in seiner großartigen Novelle von der Möglichkeit einer Liebe sowie die Parabel von einem doppelten Sturz: in die Liebe, ohne ausreichend lieben zu können, und in das Mitmenschliche, ohne ausreichend gut zu sein. »Aber wo wären wir ohne etwas Selbstüberschätzung«, sagt der Protagonist Reither, um sich Mut zu machen für den ersten Kuss mit Leonie Palm, »jeder wäre nur in seinem Gehäuse, ein Flüchtling vor dem Leben.«“

Bodo Kirchhoff bei einer Lesung 2016

Fazit: Die Longlist des Deutschen Buchpreis hält für fast jeden Buchgeschmack interessante Titel bereit, es lohnt sich also durchaus sich die Bücher der kommenden Longlist, und auch die Bücher der zurückliegenden Jahre, näher anzusehen. Folgende Titel des Jahrgangs 2016 stehen noch auf meiner Leseliste:

Ausblick auf 2017

Am 29. März endete die Ausschreibungsfrist für den diesjährigen Buchpreis. 106 Verlage haben 174 Bücher eingereicht, die zunächst in das Rennen um einen der zwanzig Longlist-Plätze gehen, die am 15.08.2017 bekannt gegeben wird. Diese Jury entscheidet in diesem Jahr:

Die Jury 2017: Tobias Lehmkuhl, Maria Gazzetti, Katja Gasser, Lothar Schröder, Silke Behl, Mara Delius und Christian Dunker. Foto: (c) Christina Weiß

Es wurde wieder eine interessante Mischung von Journalisten, Literaturwissenschaftlern und -kritikern gefunden. Schade, dass in diesem Jahr kein Buchhändler dabei ist. Bleibt zu hoffen, dass die Jury bei ihren Entscheidungen trotzdem auch an die Leser denken. Nähere Infos zu den einzelnen Jurymitgliedern gibt es ebenfalls auf der Seite des Deutschen Buchpreis.

Die nächsten Termine:

15. August: Bekanntgabe der Longlist
12. September: Bekanntgabe der Shortlist
9. Oktober: Preisverleihung

Kurz nach Bekanntgabe der Longlist sollte das hier abgebildete (kostenlose) Büchlein mit Leseproben zu allen Büchern der Longlist bei eurem Buchhändler vorrätig sein. Ein schöner Anlass, mal wieder den Buchhändler eures Vertrauens aufzusuchen.

 

 

 

Eine komplizierte Beziehung: Der deutsche Buchpreis und die Literaturblogger

Bereits seit einigen Jahren kooperieren einige Literaturblogger mit dem Deutschen Buchpreis. 2013 berichteten erstmals 5 Blogger unter dem Titel „5 lesen 20“ über den Buchpreis, stellten die Titel vor und veröffentlichten Rezensionen. Viel Liebe und Arbeit steckten die Blogger in ihre Berichte, dennoch wurden sie in meinen Augen etwas stiefmütterlich behandelt. 2016 gab es beispielsweise auf der Internetseite des Buchpreises keinen Hinweis auf die begleitenden Blogger. Lediglich versteckt in einem der Untermenüs war ein Hinweis zu finden. Es dürften sich daher vermutlich hauptsächlich andere Blogger auf diese Seiten verirrt haben. Auch in den vielen Dankesreden bei der Preisverleihung wurden die Blogger leider nicht erwähnt. Wertschätzung und Anerkennung für die Arbeit der Blogger sieht meines Erachtens anders aus. Dieses Jahr versucht man daher einen etwas anderen Weg: Auf der Seite des Deutschen Buchpreis gibt es jetzt erstmals einen eigenen Blog, auf der die Artikel der Buchpreisblogger sowie weitere interessante Beiträge veröffentlicht werden. Bleibt zu hoffen, dass deren Arbeit dort etwas sichtbarer wird als in den letzten Jahren – verdient hätten sie es. Folgende Blogger berichten in diesem Jahr über den Buchpreis, die jeweiligen Blogs sind natürlich auch immer einen Besuch wert:

Sandro Abbate vom Blog Novelero
Isabella Caldart vom Blog Novellieren
Mareike Fallwickel vom Blog Bücherwurmloch
Sarah Reul vom Blog Pinkfisch
Frank Rudkoffsky vom Blog Frank O. Rudkoffsky
Ilke Sayan (Booktube) vom youtube-Kanal Buchgeschichten

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