Rezension

Eleanor Catton – Die Gestirne

„Ich wollte einen Rätselkrimi schreiben, mit einem toten Mann im Zentrum und zwölf Verdächtigen drumherum. Dann wollte ich sieben Nebenfiguren, die sich erst nach und nach als Hauptdarsteller herausstellen. Dazu wollte ich eine Gerichtsszene wie in Die Brüder Karamasow“ (Eleanor Catton im Galore-Interview, Januar 2016)

Das war 2013 eine große Überraschung, als die damals 28-jährige Neuseeländerin Eleanor Catton für ihren zweiten Roman Die Gestirne mit dem renommierten englischen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Damit war sie die jüngste ausgezeichnete Preisträgerin und legte mit ihrem Roman gleichzeitig das bisher umfangreichste Werk aller Preisträger vor. Seit November 2015 kommen auch deutsche Leser dank der tollen Übersetzung von Melanie Walz in den Genuss dieses Romans.

Worum geht es? Es ist der Januar 1866 als der Schotte Walter Moody nach schwerer Überfahrt in der Goldgräberstadt Hokitika an der Westküste der neuseeländischen Südinsel landet. Im Rauchzimmer des örtlichen Hotels trifft er auf scheinbar zufällig versammelte zwölf Personen die jedoch, wie sich nach und nach herausstellt, in einem engen Beziehungsgeflecht miteinander verbunden sind. Bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung werden Eleanor Cattons große Vorbilder, die Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters, allen voran Charles Dickens, offensichtlich. Bereits die einleitende Kapitelüberschrift wirkt geradewegs aus einem Roman dieser Zeit entnommen:

„In welchem Kapitel ein Fremder nach Hokitika kommt, eine geheime Versammlung gestört wird, Walter Moody seine neuesten Erinnerungen verbirgt und Thomas Balfour eine Geschichte zu erzählen beginnt.“ (Kapitelüberschrift des ersten Kapitels)

Die Versammlung findet statt um die seltsamen Vorfälle, die sich vor kurzem in der Goldgräberstadt ereignet haben, aufzuklären. Der stadtbekannte Säufer Crosbie Wells wurde tot in seiner abgelegenen Hütte aufgefunden und mit ihm ein Goldschatz von beträchtlicher Größe, die Prostituierte Anna Wetherell hat scheinbar einen Selbstmordversuch durch eine Überdosis Opium unternommen und der junge Goldgräber und Minenbesitzer Emery Staines ist spurlos verschwunden.

Die versammelten zwölf Männer stellen einen Querschnitt der Bevölkerung Hokitikas dar. Ein Zeitungsherausgeber ist ebenso vertreten wie der Apotheker, ein Hotelier, ein Geistlicher, chinesische Goldschürfer und einige andere. Im Laufe des Abends erzählen die einzelnen Personen nacheinander wie sie mit den betroffenen Personen in Verbindung standen und was sie in den letzten Wochen erlebt haben. Dabei lassen die Erzählungen der einen Person die Berichte der anderen immer wieder in einem neuen Licht erscheinen und nach und nach ergibt sich eine sehr komplexe Geschichte aus Betrug, Verrat, Rache und Liebe. Die eigentlichen Hauptpersonen des Romans sind aber nicht die zwölf (beziehungsweise dreizehn mit Walter Moody) Männer der geheimen Versammlung, sondern die zentralen Frauenfiguren Anna Wetherell und Lydia Carver, alle Ereignisse hängen mehr oder weniger mit diesen beiden Personen zusammen.

Eleanor Catton nimmt sich viel Zeit für die Erzählungen der Männer im Rauchzimmer des Hotels, ohne jedoch langatmig zu werden. Dieser Teil des Romans füllt allein die ersten 500 Seiten des Buches und bietet Raum für eine differenzierte Charakterisierung der einzelnen Personen. In der zweiten Hälfte des Romans nimmt die Handlung dann nochmal deutlich an Spannung zu und der Leser fiebert der Auflösung des Falles nach 1040 Seiten zu.

Nicht so ganz erschlossen hat sich für mich der formale Aufbau des Romans, der nach astrologischen Gesichtspunkten gegliedert wurde. Den zwölf Personen aus der geheimen Versammlung sind die zwölf Tierkreiszeichen zugeordnet, weitere zentrale Charaktere werden mit Planeten gleichgesetzt. Die einzelnen Teile des Buches werden analog der Mondphase immer kürzer. Auch wenn dieser Aspekt des Romans zum Verständnis des Buches meines Erachtens nicht erforderlich ist, würde mich hier doch noch der genaue Sinn dieses Aufbaus interessieren. Wer also Ideen dazu hat darf sie hier gerne in die Kommentare schreiben.

Die Autorin schafft es hervorragend die Atmosphäre in der wilden Küstenstadt und die Stimmung unter den Einwohnern zu beschreiben. Das Leben in einer Goldgräberstadt zur Mitte des 19. Jahrhunderts kann der Leser unmittelbar miterleben. Allerdings stellt die Figurenvielfalt und die komplexe Handlung den Leser auch vor ziemliche Herausforderungen. Das Lesen erfordert Konzentrations- und Duchhaltevermögen und ist für das Nebenbei-Lesen eher nicht geeignet. Daher mit Sicherheit kein Buch an dem jeder Freude haben wird, Kritiker könnten ihm vorwerfen letztlich lediglich ein 1000 Seiten umfassender whodunit-Krimi zu sein.

Wer jedoch dicke Bücher liebt, eine Vorliebe für Klassiker wie Charles Dickens hat und eine intensiv erzählte und spannende Geschichte sucht ist hier gold(!)richtig. Für lange Winterabende oder Urlaubstage die perfekte Lektüre. Für diese Personen daher von mir eine große Leseempfehlung.

Eleanor Catton: Die Gestirne (Original: The Luminaries), aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz, 1040 Seiten, gebunden, btb-Verlag, ISBN 9783442754793, Euro 24,99  (Taschenbuch erhältlich ab 27.03.2017) Link zur Verlagsseite

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2 Comments

  • Reply Tinka 19. Januar 2017 at 21:10

    Hallo

    deine Rezension ist wirklich sehr gut geschrieben und lässt keine Fragen mehr offen über das Buch. Ich habe leider momentan gar keine Zeit für so dicke Schmöker. Lese gerade so wenig, weil ich Prüfungen schreiben muss und mich mit Seminararbeiten herumschlage 🙁 „Der Graf von Monte Christo“ liegt leider auch noch herum und verstaubt…ooohmann! Hoffe ich schaffs den mal auszulesen, wie lange brauchst du denn für so dicke Wälzer im Durchscnitt? Lg

  • Reply Thomas 21. Januar 2017 at 11:30

    Hallo Tinka,
    danke für das Lob 🙂 , ich bin eigentlich nie zufrieden damit…Für diesen Wälzer habe ich mich spontan entschieden, da ich krank geschrieben war und außer Lesen nicht viel andere Sachen machen konnte. Daher war ich auch schon nach knapp einer Woche damit fertig, ist aber wirklich die absolute Ausnahme. Normalerweise lese ich so umfangreiche Bücher nur im Urlaub, wenn man relativ viel Zeit zum Lesen hat. Daher steht „Der Graf von Monte Christo“ hier auch noch rum. Die neuübersetzte, vollständige Ausgabe hat ja auch so ca. 1500 Seiten, ist also definitiv ein Urlaubsbuch, ansonsten würde ich da bestimmt auch vier Wochen oder länger dran lesen. Mal schauen, wann ich dazu komme. Ich drücke dir für die Prüfungen die Daumen! Uni geht ja dann natürlich erstmal vor 😉
    Liebe Grüße
    Thomas

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