Rezension

Fatma Aydemir – Ellbogen

„Elma wirkt immer wie die Stärkere, dabei ist es in Wahrheit ganz anders. Ihr Herz ist total anfällig, man kann es so leicht brechen. Wegen der Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch. Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.“ (Seite 165*)

Integration, Migrationshintergrund und die aktuelle politische Lage in der Türkei, das sind die Schlagworte, die mir beim Lesen des Klappentextes zu diesem Roman in den Sinn gekommen sind. Anhand des Schicksals der jungen Deutschtürkin Hazal schafft es Fatma Aydemir diese Punkte zu thematisieren ohne sie explizit anzusprechen.

Inhalt

Hazal Akgündüz ist siebzehn, in Deutschland geboren und lebt mit ihren türkischstämmigen Eltern in Berlin. Die Schule hat sie abgebrochen, sie macht gerade eine „“BVB“ (berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme) wo sie nichts lernt, außer Bewerbungen zu schreiben, die jedoch niemals zu einem Jobangebot führen. Nebenbei arbeitet sie in der Bäckerei ihres Onkels. Ihre depressive Mutter verbringt die Abende mit türkischen Fernsehserien, ihr Vater verbringt die meiste Freizeit im Café mit seinen türkischen Freunden, ihr Bruder scheint erste Kontakte ins kleinkriminelle Milieu zu knüpfen. Ihren achtzehnten Geburtstag möchte Hazal gerne mit ihren Freundinnen feiern, doch ihre konservativen Eltern sind strikt dagegen. Die Perspektivlosigkeit und die Enge ihrer Familie frustrieren Hazal.

„Und vielleicht sieht es von außen tatsächlich so aus, als ob ich mein Leben schon verpfuscht habe. Ja, wahrscheinlich habe ich ja auch ein verpfuschtes Leben. Mama wollte immer, dass ich Arzthelferin werde, und ich wollte Ärztin sein. Jetzt bin ich nichts von beidem und finde nicht mal eine Ausbildung zur Verkäuferin.“ (Seite 16)

Die einzigen Lichtblicke in Hazals Leben scheinen die Abende mit ihren Freundinnen zu sein und ihre Skype-Telefonate mit ihrem „Freund“ Mehmet, einem jungen Deutschtürken, der aufgrund zahlreicher Vorstrafen in die Türkei abgeschoben wurde und jetzt in Istanbul lebt.

An ihrem Geburtstag kann Hazal sich dann doch von zu Hause loseisen und sie macht sich mit ihren Freundinnen auf den Weg in einen angesagten Berliner Club, scheitern jedoch an dem unnachgiebigen Türsteher, der ihnen den Zutritt verwehrt. Das ist dann eine Demütigung zu viel. Alkohol, Wut und die aufgestaute Frustration entladen sich bei den jungen Frauen in einem Gewaltakt in einer Berliner U-Bahn-Haltestelle. In der scheinbar ausweglosen Situation beschließt Hazal in die Türkei zu flüchten und in Istanbul den Versuch zu starten, ein neues Leben zu beginnen.

Doch in Istanbul angekommen, muss Hazal feststellen, dass sie auch hier nicht wirklich dazugehört. Außer Mehmet kennt sie hier niemanden und ihr Türkisch ist nicht so gut, dass sie sich ohne Probleme überall verständigen kann. Von den Einheimischen wird sie aufgrund ihres Akzentes direkt als Deutsche erkannt. Sie versucht sich irgendwie in Istanbul durchzuschlagen, doch als es dann auch noch zum versuchten Militärputsch in der Türkei kommt, scheint ihre Situation ausweglos zu sein.

Fatma Aydemir (links) im Gespräch zu ihrem Debutroman auf der Leipziger Buchmesse 2017

 Meine Meinung

In ihrem Debutroman gibt uns Fatma Aydemir einen starken Einblick in das Leben einer jungen Frau, die neben den üblichen Problemen jugendlicher Heranwachsender auch noch mit den Schwierigkeiten ihres türkischen Migrationshintergrundes zu kämpfen hat. Hazals schnoddrige und oft aggressive Verhaltensweise macht sie nicht zu einer Sympathieträgerin, dennoch hofft man als Leser, dass sie den Weg aus der eingeschlagenen Abwärtsspirale findet.

Einige Rezensenten bemängeln, dass die Darstellung von Hazal und ihrem Umfeld den angeblich gängigen Klischees von jungen Deutschtürken entspricht. Das habe ich so allerdings nicht empfunden. Dass Fatma Aydemir hier kein repräsentatives Bild aller jungen Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland zeichnet, sondern nur ein mögliches Schicksal beschreibt, dürfte jedem klar sein, so viel Intelligenz sollte man dem Leser schon zutrauen.

Ob man tatsächlich die Ereignisse des Putschversuches aus dem letzten Sommer hätte einfließen lassen müssen, wage ich zu bezweifeln. Hazals Geschichte ist auch so bereits stark genug für einen Roman. Aber vermutlich waren die Eindrücke, die Fatma Aydemir, die sich zum Zeitpunkt des Putschversuchs für Recherchearbeiten in der Türkei aufhielt, zu stark, um nicht den Weg in den Roman zu finden. Als kleiner Kritikpunkt kann vermerkt werden, dass mir das Ende dann doch überraschend schnell kam. Gerade der ruhigere Teil des Buches, der in Istanbul spielt, hätte in meinen Augen etwas länger sein können.

Fazit

Wenn ein Buch Perspektiven und Einsichten aufzeigt, die man aus dem täglichen Leben nicht kennt, dann hat es in meinen Augen schon viel erreicht. Vielleicht kann es sogar etwas zum Verständnis junger Erwachsener in Deutschland beitragen. Fatma Aydemirs Debutroman ist daher für mich ein starkes Stück Literatur mit einer Protagonistin, an die ich noch länger zurückdenken werde. Und bei aller Perspektivlosigkeit, blitzt doch auch ein Funken Hoffnung auf:

„Aber das war nicht nur wegen der Nacht oder wegen dem Studenten, ich war schon vorher wütend, die ganze Zeit. Und nach der Nacht war alles plötzlich anders. Vielleicht nur für ein paar Tage, aber es hat sich so angefühlt, als sei nicht schon jeder Stein auf meinem Weg vorherbestimmt. Als gäbe es da einfach noch eine andere Möglichkeit vor mir.“ (Seite 170).

Über die Autorin:

Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. 2007 bis 2012 studierte sie Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt sie in Berlin und ist Redakteurin bei der taz. Als freie Autorin schreibt sie daneben für zahlreiche Zeitschriften, unter anderem Spex und das Missy Magazine. (Autoreninfo von der Internetseite des Hanser-Verlags)

Fatma Aydemir: Ellbogen, Roman, 272 Seiten Hardcover, Hanser Verlag, Erscheinungsdatum: 30.01.2017, ISBN 9783446254411, 20,00 Euro, Link zur Verlagsseite

 

Weitere Besprechungen unter anderem auf folgenden Blogs:

The Written Word
Herr Booknerd
Kapri-zioes
Kejas-Blogbuch
Die fabelhafte Welt der Bücher
Lesevergnügen

*Die Angabe der Seitenzahlen bei den Zitaten beziehen sich auf die deutsche ebook-Ausgabe.

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2 Comments

  • Reply Anna 26. Juni 2017 at 18:57

    Hey 🙂

    wow – das klingt wirklich interessant. Ich lese echt selten politisch angehauchte Bücher, obwohl ich dem absolut nicht abgeneigt gegenüberstehe, denn ja, durch Bücher möchte ich ja schließlich auch den Blick über den Tellerrand wagen und es scheint, dass es dieses Buch auch tut. Ich werde es mal auf die Wunschliste setzen und mir merken.

    Danke für die Rezension!

    Alles Liebe,
    Anna

  • Reply Thomas 27. Juni 2017 at 20:09

    Hallo Anna,
    das Buch war mir schon vor einiger Zeit aufgefallen und der Auftritt der Autroin auf der Leipziger Buchmesse hat mich weiter neugierig gemacht. Für mich eine interessante Neueentdeckung, der ich noch viele Leser wünsche. Vielen Dank für Dein Feedback 😉
    Liebe Grüße
    Thomas

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