Rezension

Fuminori Nakamura – Der Dieb

Ein vielversprechendes Deutschland-Debut des japanischen Schriftstellers

Mit Der Dieb legt diogenes die erste deutsche Übersetzung eines Werkes des in Japan bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneten Schriftstellers Fuminori Nakamura vor. Auf etwas mehr als 200 Seiten führt uns der Japaner in die Unterwelt Tokios und zu existenziellen Fragen.

„Glaubst du an das Schicksal?“ (Seite 209)

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Taschendieb, der aus seiner Tätigkeit eine Kunst gemacht hat, die er bis zur Perfektion beherrscht. Unerkannt gelingt es ihm, die wohlhabenden Bürger Tokios um ihre Geldbörsen zu erleichtern. Da er mit möglichst geringem Aufwand den größtmöglichen Erfolg erzielen möchte, sucht es sich ausschließlich reiche Mitbürger als Opfer aus.

„Um keinen Verdacht zu erregen, muss man sich geschmackvoll kleiden, sich in eine Lüge hüllen und diese Lüge mit der Umgebung eins werden lassen.“ (Seite 10)

Es geht ihm jedoch nicht hauptsächlich um eine reiche Beute, er hat so etwas  wie eine „Berufsehre“ und lässt die erbeuteten Geldbörsen, denen er lediglich das Bargeld entnimmt, den Opfern wieder zukommen. An dem Geld hängt er nicht, freigiebig gibt er das Geld wieder aus, so dass hin und wieder Mitmenschen, denen das Schicksal nicht so gut gesonnen ist,  in den Genuss einer Spende kommen. Eines Tages trifft er in einem Supermarkt auf einen kleinen Jungen, der von seiner Mutter dazu angestiftet wurde Lebensmittel zu stehlen. Dabei stellt er sich so ungeschickt an, dass der Dieb ein Einsehen hat und ihm im weiteren Verlauf der Geschichte einige Tricks beibringt. Unglücklicherweise wird ein Boss der Tokioter Unterwelt auf die Fähigkeiten des Diebes aufmerksam und als dieser von der Freundschaft zu dem kleinen Jungen erfährt, hat er ein perfektes Druckmittel in der Hand um ihn zu einen diabolischen Pakt zu zwingen.

Nakamura versetzt den Leser mit seinem knappen, präzisen Stil in wenigen Sätzen in das Leben der Personen am Rande der Tokioter Gesellschaft und erschafft gleichzeitig eine unbestimmte bedrohliche Stimmung. Kleine surreale Beschreibungen lassen einen unweigerlich an Haruki Murakami denken. Von der Stimmung des Romans fühlte ich mich oft an 1Q84 erinnert. In dem Roman sieht der Dieb beispielsweise immer wieder einen mysteriösen Turm am Horizont auftauchen, dessen Beschreibung auch aus der Feder Murakamis stammen könnte.

„Wenn ich zwischen den ärmlichen Reihenhäuschen und heruntergekommenen Wohnbaracken in die Höhe schaute, konnte ich ihn immer schwach erkennen. Ein im Dunst emporragender Turm mit unscharfen Konturen, eine Erscheinung wie aus einem alten Tagtraum, wie aus einer anderen Zeit.“ (Seite 177)

Nakamuras Erzählweise lässt einen die Geschichte schnell und unkompliziert lesen. Da ist kein Satz zuviel, kein unnötiges Wort enthalten. Dies führt zu einer äußerst spannenden Lektüre, die auf eine zentrale Frage hinausläuft: Sind wir Herr über unsere eigenen Entscheidungen oder gibt es so etwas wie Schicksal? Eine Frage, die vermutlich in der japanischen Gesellschaft, bei der das Individuum nicht so wichtig genommen wird wie die Gemeinschaft, eine größere Rolle spielen dürfte als in der europäischen Kultur.

Ich war von dem Buch begeistert und wünsche ihm noch sehr viele Leser, damit wir bald in den Genuss weiterer Übersetzungen dieses großartigen Autors kommen.

Das Rezensionsexemplar wurde vom diogenes-Verlag zur Verfügung gestellt.

Nakamura Dieb

Fuminori Nakamura

Der Dieb

Übersetzer: Thomas Eggenberg

Diogenes-Verlag (Link hier)

ISBN 978-3-257-06945-7

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