Rezension

Grégoire Hervier – Vintage

„Ich konnte mir den Künstler in seinem Studio vorstellen, wie er in der Stille der Nacht einem Phantom der Oper gleich der markerschütternden Verlorenheit seiner Seele Ausdruck verlieh. Und zwar in einer Musik, die sich jener Gitarre verdankte, die ich seit Monaten suchte.“ (Seite 319)

Mit „Vintage“ nimmt uns der französiche Autor Grégoire Hervier mit auf eine Reise in die Geschichte der Rockmusik und zu deren Ursprüngen. Eine äußerst unterhaltsame Mischung aus Kriminalroman, Abenteuergeschichte und Roadstory.

Inhalt

Bei dem Helden des Romans, Thomas Dupré, fünfundzwanzig Jahre alt und Rockgitarrist, lässt der musikalische Erfolg auf sich warten. Bis sich das ändert, verdient er seinen Lebensunterhalt mit unregelmäßig erscheinenden Artikeln in diversen Musikzeitschriften oder er hilft im Geschäft eines Freundes aus, der mit alten Vintage-Gitarren handelt und diese restauriert. Eines Tages erhält er das Angebot eine äußerst seltene Gitarre (eine Les Paul Goldtop von 1954) persönlich zu einem Kunden nach Schottland zu bringen. Da die Reiskosten vom Käufer bezahlt werden willigt er kurzerhand ein und steht einige Tage später schon vor dem Domizil des Käufers, welches auch ein geschichtsträchtiger Ort für Rock-Fans ist: Boleskine House, in den schottischen Highlands unweit von Loch Ness gelegen, war für einige Zeit das Zuhause von Rock-Legende Jimmy Page, der das Anwesen zur Anfangszeit von Led Zeppelin erworben hatte. Der aristokratische Besitzer des Anwesens ist begeistert von seiner Neuerwerbung und zeigt Dupré seine umfangreiche Sammlung historischer Rockgitarren und eröffnet ihm ein Geheimnis: Angeblich wurde die wertvollste Gitarre seiner Sammlung gestohlen – ein Original der legendären Gibson Moderne, von der viele Fachleute glauben, dass es diese Gitarre nie gegeben hat und deren Existenz lediglich eine Legende ist.

Patentzeichnung der Moderne (Quelle: wikipedia)

Die Moderne ist eine asymmetrische gebaute E-Gitarre des amerikanischen Herstellers Gibson Guitar Corporation, deren Entwurf auf das Jahr 1957 zurückgeht. Der Gitarrenhersteller entwickelte in den 1950er Jahren einige futuristisch aussehende E-Gitarren für die wachsende Zahl der Blues- und Rockmusiker. Die sogenannte Modernistic-Reihe bestand aus den Gitarren mit den Modellnamen Explorer, Flying-V und der Moderne. Die Modelle Explorer und Flying-V erfreuten sich großer Beliebtheit und werden teilweise bis heute verkauft und gespielt. Ob von der Moderne tatsächlich größere Stückzahlen hergestellt wurden ist umstritten, außer einigen Patentzeichnungen gibt es keine Beweise, dass es diese Gitarre in der 1950er-Jahren bereits gegeben hat. Ein Fund dieser legendären Gitarre wäre eine Sensation und der Wert des Musikinstruments fast nicht zu bemessen. Diese Gitarre ist so etwas wie die blaue Mauritius unter den Vintage-Gitarren.

Um von seiner Versicherung Schadenersatz für die entwendete Gitarre zu erhalten, bietet der Schlossherr Thomas Dupré eine Million Dollar an, wenn er beweisen kann, dass das Original dieser Gitarre tatsächlich existiert hat.

Und so begibt sich der junge Journalist und Rockmusiker auf die Fährte dieser legendären Gitarre und spätestens als er über die erste Leiche stolpert wird ihm klar, auf was für ein gefährliches Unternehmen er sich eingelassen hat. Die Reise wird ihn weit um die Welt führen, wo er unter anderem auf einen heruntergekommenen Elvis-Imitator trifft und Bekanntschaft mit einer Wissenschaftlerin in Mississippi macht, die den Einfluss der Religion auf die Blues-Musik erforscht.

Meine Meinung

Die Liebe zur Rock- und Bluesmusik spricht aus jeder Zeile dieses Buches. Durch die Ich-Perspektive erlebt der Leser die spannende Suche nach der Gitarre unmittelbar mit. Der unkomplizierte Schreibstil und die vielen Wendungen im Verlauf der Geschichte machen das Buch zu einem echten Pageturner. Nebenbei erfährt man allerhand interessante Tatsachen über die Geschichte der Rockmusik und auch ein paar Einzelheiten zum Gitarrenbau. Dem Autor ist hier eine wirklich gekonnte Mischung aus recherchierten Fakten und Fiktion gelungen. An einigen Stellen im Buch wird der Leser dazu verleitet selber zu überprüfen, welche Teile der Erzählung aus belegbaren Fakten bestehen und wo die Phantasie des Autors eingesetzt hat. Da mag man auch verzeihen, dass bei dem turbulenten Roadtrip die Hauptperson vergleichsweise blass bleibt. Dennoch ein äußerst spannend zu lesender Roman, tolle Unterhaltung auf hohem Niveau.

Fazit

Ein starker Roman, der allen Rock- und Bluesmusik-Fans viel Freude bereiten dürfte. Viel Musik, schräge Typen und eine spannende Handlung bieten eine willkommene Abwechslung in der Literaturlandschaft. Nebenbei lernt man noch interessante Fakten über Gitarren und das Musikgeschäft. Für Freunde blutrünstiger Thriller eher nicht geeignet, alle anderen sollten einen Blick risikieren. Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen, im Urlaub war es daher in kürzester Zeit gelesen.

Grégoire Hervier: Vintage, Roman, aus dem Französichen übersetzt von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs, Diogenes Verlag, Erscheinungsdatum: 23.08.2017, 400 Seiten, Hardcover (auch els ebook erhältlich), Euro 24,00, ISBN 9783257070026, Link zur Verlagsseite

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Previous Post Next Post

You Might Also Like

3 Comments

  • Reply Tinka 24. August 2017 at 18:44

    huhu

    dieses Buch könnte mir gefallen. Es klingt sehr vielversprechend 🙂 Ist es denn auch ein bisschen so wie ein Krimi ? LG

    • Reply Thomas 26. August 2017 at 10:54

      Hallo Tinka,
      ja, es hat einige Krimielemente, Liebhaber alter Gitarren scheinen buchstäblich über Leichen zu gehen, hauptsächliche geht es aber um Musik, alte Instrumente und die Menschen, deren größte Leidenschaft die Musik ist.
      LG

  • Reply Auroria 30. August 2017 at 20:56

    Das klingt alles nach einer spannenden und interessanten Mischung. Musik interessiert mich sehr, ohne das ich behaupten könnte Könner und Kenner zu sein. Krimielemente verachte ich auch nicht. Und wenn das Buch zu Nachforschungen animiert, bei denen man noch etwas lernen kann, dann ist es schon fast gekauft. 🙂

  • Leave a Reply