Rezension

James Matthew Barrie / Tatjana Hauptmann – Peter Pan

Alle Kinder werden erwachsen. Also, bis auf eines. (Anfang des Buches)

Neuinterpretationen bekannter Klassiker sind oft mit gewissen Risiken verbunden, mit der prachtvollen Neuausgabe von Peter Pan ist dem Diogenes-Verlag aber dank der wundervollen Illustrationen von Tatjana Hauptmann das Kunststück gelungen, sich von bisherigen Ausgaben abzuheben und gleichzeitig einen eigenen Klassiker zu kreieren, der nicht nur in manchem Kinderzimmer einen Platz unter den Lieblingsbüchern finden wird.

Zum Inhalt: Es ist ein Freitagabend, an dem Mr. und Mrs. Darling bei Nachbarn eingeladen sind, als ihre Tochter Wendy und ihre beiden Söhne John und Michael Besuch von einem fliegenden Jungen bekommen, der in Begleitung einer kleinen fliegenden Fee namens Tinkerbell in ihrem Zimmer auftaucht. Der Junge stellt sich als Peter Pan vor, und auch wenn sie einem solchen Jungen bisher nie begegnet sind, haben sie doch das Gefühl ihn aus ihren Träumen zu kennen. Peter Pan erzählt den Kindern von seiner Heimat, dem Nimmerland, ein Land in dem Kinder niemals erwachsen werden und wo er zusammen mit seiner Bande der verlorenen Jungs immer spannende Abenteuer erlebt. Die Kinder sind begeistert und möchtten das Nimmerland selber kennenlernen. Und nachdem Peter den Kindern das Fliegen beigebracht hat, machen sie sich auf die Reise in das geheimnisvolle Land.

„Sag mal, Peter, kannst du wirklich fliegen?“…“Sag mal, wie geht das denn?“ fragte der praktisch veranlagte John, während er sich die Knie rieb. „Du machst dir ein paar schöne Gedanken“, erklärte Peter, „und die heben dich dann in die Lüfte.“ (Seite 41/42)

In Nimmerland angekommen sehen sich die Kinder mit vielen Gefahren konfrontiert. Es gibt wilde Tiere, Indianer und vor allem: den gefährlichen Captain Hook und seine Piratenbande, dessen größter Feind Peter Pan ist. Als es den Piraten gelingt, die kleine Tiger Lily zu entführen kommt es zur entscheidenden Begegnung zwischen Pan und Hook.

Aber der Preis, den man für einen Aufenthalt in Nimmerland bezahlen muss, scheint hoch. Denn je länger man dort bleibt, desto mehr werden die Kinder ihre Vergangenheit vergessen und so können sich die drei Darling-Kinder kurz vor ihrer Rückkehr in das alte Zuhause kaum mehr an dieses erinnern.

Mit viel Feingefühl und Phantasie beschreibt der Autor die Abenteuer der Kinder und mit Peter Pan eine Figur, die nicht nur die netten, freundlichen Aspekte des Kindseins verkörpert. Peter wird an vielen Stellen des Buches sehr unsympathisch und egoistisch beschrieben, er lebt nur für sein gegenwärtiges Glück, übernimmt keine Verantwortung und die Konsequenzen seiner Handlungen sind ihm nicht bewusst.

Die Geschichte von Peter Pan bietet reichlich Raum für Interpretationen. Kinder werden sich hauptsächlich an den spannenden Abenteuern erfreuen, ältere Leser werden auch die melancholischen, düsteren Untertöne der Geschichte wahrnehmen.

Hierzu hilft es einen Blick auf die Entstehungszeit des Romans zu werfen. Gegen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts herrschte auch in England in großen Teilen der Bevölkerung bittere Armut, Eltern mussten –ebenso wie es Mr. Darling zu Beginn des Romans tut – genau rechnen und mit jedem Cent haushalten um sich für ein Kind zu entscheiden. Das bedeutete für viele Kinder, dass sie nicht bei ihren Eltern, sondern in Pflegeheimen aufwachsen mussten. Für diese Kinder ist Nimmerland so etwas wie das Paradies, man kann es in diesem Zusammenhang als eine Form des Eskapismus ansehen. Im Buch übernimmt die Älteste der Kinder, Wendy, die Rolle der Mutter, die sich um alle kümmert.

„Und wo wohnst du meistens?“ „ Bei den verlorenen Jungs.“ „Wer ist denn das?“ „Das sind die Kinder, die aus dem Kinderwagen fallen, wenn das Kindermädchen mal wegschaut. Wenn die nach sieben Tagen nicht abgeholt werden, dann schickt man sie ins Nimmerland, wegen der Kosten. Und im Nimmerland bin ich der Chef.“ (Seite 36)

Manche werden in Nimmerland auch eine Metapher für den Tod sehen. Man kann das Buch aber auch als Aufforderung lesen, sich immer einen Teil des kindlichen Gemüts zu bewahren, egal wie alt man ist.

Die bekannte Illustratorin Tatjana Hauptmann orientiert sich in ihren fantasievollen Zeichnungen am Text des Originals, in dem Peter Pan etwas anders beschrieben wird, als man ihn aus den zahlreichen Verfilmungen kennt.

„Er war ein hübscher Junge mit einem Gewand aus Blättern und Baumharz und hatte noch alle Milchzähne im Mund, das machte ihn nahezu unwiderstehlich.“ (Seite 17)

Die vorliegende Ausgabe aus dem Diogenes-Verlag ist ein wahres Prachtstück. Die in Leinen gebundene Schmuckausgabe hat ein goldgeprägtes Cover und wird in einem hochwertigen Schuber geliefert. Der Innenteil ist sehr reichlich mit den Illustrationen von Tatjana Hauptmann ausgestattet. Ganz- und doppelseitige Bilder werden ergänzt um zahllose kleine Zeichnungen, die immer wieder in den Text eingebunden sind. Ein Buch, das man sowohl vor- als auch selber lesen kann und bei dem sich auch ein Wiederlesen nach einigen Jahren lohnt.

Von mir daher eine große Empfehlung für alle die liebevoll ausgestatte Klassiker mögen, auch ein wunderbares Geschenk für bibliophile Leser.

James Matthew Barrie: Peter Pan, aus dem Englischen übersetzt von Christiane Buchner und Martina Tichy, illustriert von Tatjana Hauptmann, 208 Seiten, gebundene Ausgabe im Schuber, Diogenes-Verlag, ISBN 9783257011890, Eur 34,00, Link zur Verlagsseite

 

 

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10 Comments

  • Reply Sonja Béland 20. Februar 2017 at 10:51

    Hallo Thomas,
    Oh weh da hast du mir was gezeigt…. Wie schön 🙂 ich liebe diese Geschichte und diese Ausgabe ist gar wunderschön ! Die werde ich wohl haben müssen..
    LG Sonja

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:27

      Hallo Sonja,
      das tur mir leid 😉 ich konnte auch nicht widerstehen, manche Bücher sind einfach zu schön gemacht. Aber man kann sich solche Prachtexemplare auch wunderbar schenken lassen 😉
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Anna 23. Februar 2017 at 21:17

    Das sieht nach einer wirklich schönen Auflage aus! Es freut mich natürlich besonders, dass ich bei dir auch ein Kinderbuch finden konnte.

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:29

      Hallo Anna,
      ja, mein Sohn ist mittlerweile zu alt für Kinderbücher, daher komme ich recht selten dazu, aber hier ist es ja sowohl Klassiker als auch Jugenbbuch und Klassiker müssen bei mir zwischendurch auch immer wieder mal sein.
      LG
      Thomas

  • Reply Manuela 27. Februar 2017 at 15:34

    Oh wie schön, fast zu schade für Kinderhände.

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:30

      Hallo Manuela,
      ja, da hast du wohl Recht, den ganz kleinen würde ich es eher vorlesen. Später dann zum selber lesen?
      LG
      Thomas

  • Reply monerl 27. Februar 2017 at 16:37

    Hallo Thomas,

    wieder eine schöne Besprechung! Ich freue mich bereits auf die Zeit, wenn ich mit meinen Kindern dieses Buch und ähnliche lesen kann. Noch sind sie zu klein. Wir haben aber bereits einen Peter Pan Zeichentrick gesehen und meine große fand ihn toll. Ich könnte also großes Glück haben, dass dieses von dir vorgestellte Buch, auch einmal in mein Regal wandern wird!

    GlG monerl

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:36

      Hallo Monerl,
      ja, das Alter, wenn man den Kindern noch vorlesen kann, muss man genießen so lange es geht, irgendwann wird es dann uncool 😉 Zum Glück gibt es ja reichlich Auswahl bei den Kinderbüchern für alle Altersklassen. Mein Sohn hat sich auch sehr über den kleinen Nick amüsiert und Geheimtipp, sobald die Kinder lesen können: Den ersten Harry Potter vorlesen, danach wollen die Kinder meistens selber unbedingt weiterlesen.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Vanessa 2. März 2017 at 18:23

    Hallo Thomas,
    das ist wirklich eine sehr schöne Ausgabe und Peter Pan fehlt mir eh noch in meiner Kinderbuchklassikersammlung, also mal sehen, ob diese Version irgendwann bei mir einziehen wird. Was mir allerdings jetzt noch ein wenig unklar ist: du hast am Anfang was von „Neuinterpretation“ geschrieben, aber das ist einfach nur eine neue Übersetzung, oder?
    LG
    Vanessa

  • Reply Thomas 2. März 2017 at 22:14

    Hallo Vanessa,
    da habe ich mich wohl nicht klar ausgedrückt, die Neuinterpretation bezog sich auf den Zeichenstil von Tatjana Hauptmann, der sich bewusst von bestehenden Vorlage abhebt (Interview mit ihr gibt es auf der diogenes-Seite bzw. bei youtube). Ich glaube, diesen Monat erscheint auch eine weitere Neuausgabe bei Coppenrath, allerdings kenne ich davon bisher nur das Cover. Vielleicht wäre das ja auch etwas.
    Liebe Grüße
    Thomas

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