Krimi, Rezension

Jax Miller – Freedom’s Child

„Meine Name ist Freedom Oliver, und ich habe meine Tochter getötet.“

So beginnt der Debut-Roman der amerikanischen Schriftstellerin Jax Miller und als Leser möchte man natürlich wissen: Ist das wirklich wahr? Wie kam es dazu? Ein starker Einstieg in einen starken Roman.

Freedom ist natürlich nicht ihr wirklicher Name, diesen hat sie sich zugelegt nachdem sie im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität erhalten hat. Vor vielen Jahren hat sie ihren gewalttätigen Ehemann, der übrigens Polizist war, erschossen und den Tatverdacht auf ihren Schwager gelenkt, der dafür eine langjährige Freiheitsstrafe verbüßen musste. Bis sie selber vom Tatverdacht freigesprochen wurde, sollte jedoch erst einige Zeit vergehen, so dass ihre beiden Kinder zu Pflegeeltern gegeben wurden. Nach der Verurteilung ihres Schwagers schwört seine Familie Rache und Freedom wird in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen, was jedoch auch bedeutet, dass sie ihre Kinder nicht mehr wiedersehen kann. Hieran zerbricht sie fast und flüchtet sich in einen ständigen Rausch aus Alkohol und Drogen, ihr Job als Barfrau in einer Biker-Bar in Oregon trägt nicht gerade zur Verbesserung ihrer Lage bei. Jedoch zwingt sie ihre Arbeitsstelle dazu nach außen hin die coole, unnahbare Frau zu spielen, die ihr das Überleben in diesem Milieu ermöglicht.

Die Entwicklung ihrer Kinder verfolgt sie über das Internet und kann so zumindest aus der Ferne an ihrem Leben teilnehmen. Regelmäßig liest Freedom ihre Facebook-Einträge und erlebt den Aufstieg ihres Sohnes Mason zum gefeierten Newcomer als Rechtsanwalt und das Leben ihrer Tochter Rebekah bei einer streng religiösen Sekte. Nach zwanzig Jahren wird ihr Schwager aus dem Gefängnis entlassen und macht sich zusammen mit seiner ziemlich kaputten Familie (sehr schräg: die sich langsam zu Tode fressende Mutter der Sippe) auf die Suche nach Freedom. Als dann plötzlich ihre Tochter Rebekah keine Lebenszeichen über Facebook mehr von sich gibt, merkt Freedom, dass sie jetzt handeln muss, sie macht sich auf die Suche nach ihrer verschwundenen Tochter.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, der zeitlich am Ende der Romanhandlung angesiedelt ist, die eigentliche Handlung wird anhand von Rückblenden erzählt. Hier wirkt das Buch stellenweise etwas konfus, denn die Erzählperspektive springt in den einzelnen Kapiteln wild zwischen verschiedenen Personen und Zeitebenen hin und her. Einzig Freedoms Kapitel sind dank des immer gleichen Kapitelanfangs „Mein Name ist Freedom und…“ leicht erkennbar. Die Sprache des Romans ist knapp und präzise, passend zur Hauptperson oft sehr direkt und manchmal vulgär, was sich auch in manch‘ schräger Metapher widerspiegelt („.. mein Handyempfang liegt öfter flach als eine fleißige vietnamesische Prostituierte.“ – Seite43).

Freedom’s temporeiche Suche nach ihren Kindern , die zahlreichen Perspektivwechsel und Cliffhanger machen das Buch zu einer spannenden Lektüre. Dem ein oder anderen Leser dürften es allerdings zu viele Nebenhandlungen und Wendungen sein, manche Motive werden später im Roman dann doch nur sehr halbherzig oder gar nicht wieder aufgenommen. Dass ihr Sohn in seiner Tätigkeit als Anwalt beispielsweise einen bekannten Footballstar vom Vorwurf der Vergewaltigung freisprechen konnte, obwohl er wusste, dass dieser schuldig war, hätte im weiteren Verlauf des Romans und angesichts Freedoms Vorgeschichte wieder aufgegriffen werden können, wird jedoch nicht mehr thematisiert.

Einige Rezensenten bemängeln, dass die sehr unabhängig beschriebene Hauptperson bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter dann doch wieder versucht dem klassischen Frauen- /Mutterbild gerecht zu werden. Im Kontext des Romans erscheint mir ihre Vorgehensweise aber glaubwürdig und nachvollziebar.

Alles in allem  ein spannender, empfehlenswerter Kriminalroman, der uns Personen und Orte abseits des „american way of life“ näherbringt, in bester Tradition der klassischen Pulp- und Noir-Romane der amerikanischen Kriminalliteratur. Ein Debut, das auf jeden Fall Lust auf weitere Bücher der Autorin macht.

Jax Miller: Freedom’s Child, Roman, aus dem Amerikanischen übersetzt von Jan Schönherr, 368 Seiten, Paperback, Verlag Rowohlt Polaris (inzwischen auch als Taschenbuch bei rororo erhältlich), ISBN 9783499269752, Euro 14,99 Link zur Verlagsseite

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Weitere Besprechungen unter anderem auf folgenden Blogs:

Bücherkaffee

Zeilenkino

Steffis-Bücherkiste

Sharon.baker liest

 

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1 Comment

  • Reply Kerstin von KeJas-BlogBuch 9. April 2017 at 11:34

    Hallo Thomas,
    hach Mensch, das Buch habe ich schon Monate hier liegen und noch hat es mich nicht angesprungen. Vielleicht sollte ich es mir einfach schnappen und es lesen.
    Deine Rezension macht jedenfalls große Lust darauf. Gerade auch wegen Deiner Beschreibung das es in Richtung Krimi Noir geht und sowas mag ich ja doch.
    Wünsche dir einen schönen Sonntag.
    Liebe Grüße
    Kerstin

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