Rezension

Joël Dicker – Die Geschichte der Baltimores

Von Freundschaft, Liebe und anderen Katastrophen

Mit dem 2012 erschienen Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert gelang dem Schweizer Joël Dicker der internationale Durchbruch als Schriftsteller, über drei Millionen Mal hat sich das Buch weltweit verkauft. Da lagen die Erwartungen an den Nachfolgeroman naturgemäß sehr hoch, Dicker scheint die Erwartungen jedoch zu erfüllen, in Frankreich gehörte Die Geschichte der Baltimores im letzten Jahr zu den erfolgreichsten Büchern. Die deutsche Übersetzung liegt seit 02.05.2016 im Piper Verlag vor.

Worum geht es? Der bereits aus dem Vorgänger bekannte Protagonist Marcus Goldman, inzwischen ein anerkannter amerikanischer Schriftsteller, zieht sich nach Florida zurück um in Ruhe an seinem neuen Roman zu arbeiten. Dort trifft er zufällig auf seine Jugendliebe Alexandra, die inzwischen eine Karriere als Sängerin gemacht hat. Jahrelang haben sich die beiden nicht gesehen und der Leser wird über die Trennungsgründe im Unklaren gelassen. Andeutungsweise erfährt man, dass eine „Katastrophe“ hierfür der Grund war. Um auch die für ihn traumatischen Erlebnisse dieser Katastrophe zu verarbeiten beschließt er seine Familiengeschichte zum Thema seines Romans zu machen.

Und so nimmt uns Marcus Goldman in Form von zahlreichen Rückblicken mit in die spannende Geschichte seiner Familie.

Marcus lebt als Jugendlicher mit seinen Eltern in dem New Yorker Vorort Montclair und sie führen dort das Leben einer durchschnittlichen amerikanischen Mittelklasse-Familie. Im krassen Gegensatz dazu steht die Familie seiner Tante Anita und seines Onkels Saul Goldmann, die in Baltimore ein High-Society-Leben führen. Der Einfachheit halber werden die Familien nur die „Montclairs“ oder die „Baltimores“ genannt. So oft wie möglich verbringt Marcus seine Ferien und langen Wochenenden bei den Baltimores und er bildet mit deren Sohn Hillel und Adoptivsohn Woody die „Goldman-Gang“, ein eingeschworene Gemeinschaft von Freunden, zu der im Laufe der Zeit die ein- oder andere Person (unter anderem auch Alexandra) hinzustößt. Im Gegensatz zu dem glanzvollen Leben der Baltimores erscheint Marcus sein Leben bei den Montclairs langweilig und glanzlos.

Da in den Passagen des Romans, die in der Gegenwart spielen, die Baltimores nicht mehr auftauchen, beginnt der Leser zu ahnen, dass das Schicksal in dieser Familie wirklich schwer zugeschlagen haben muss. Die „Katastrophe“ wird auch immer wieder vom Autor erwähnt, zunächst jedoch ohne zu erklären, worin diese bestand. Bis zur Auflösung muss sich der Leser (fast) bis zum Ende des Buches gedulden.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen und er hat mich aus einer kleinen Leseflaute geholt (Jane Austen war hier nicht ganz unschuldig), denn wie der Autor die Geschichte erzählt ist für mich hervorragend gemacht. Man ist sofort in dieser wirklich süffig geschriebenen Geschichte drin und die immer wieder erwähnte Katastrophe, kombiniert mit zahlreichen Rückblenden und Cliffhangern lassen einen das Buch kaum aus der Hand legen.

Da kann man dem Autor auch verzeihen, dass die meisten Personen doch ziemlich den Klischees entsprechen, die der Europäer so von der amerikanischen Mittel- und Oberschicht hat. Die Baltimores, Tante Anita eine angesehene Ärztin, Onkel Saul ein erfolgreicher Anwalt, der hochbegabte Sohn Hillel und die Sportskanone Woody (natürlich der Star der Footballmannschaft) könnten so auch direkt aus einer zweitklassigen Fernsehserie stammen. Das ist, zumindest im ersten Teil des Romans, doch ein bisschen viel heile Welt.

Aber Dicker bekommt hier noch rechtzeitig den Dreh, denn eines wird dem Leser von Anfang an klar: Die Fallhöhe aus dem sorglosen Upper-Class-Leben der Baltimores ist verdammt hoch und Marcus beginnt sich zu fragen, ob das Leben der Baltimores wirklich so erstrebenswert war, wie er sich das bisher immer vorgestellt hatte.

„Ich begann mich zu fragen, ob ich als Kind nicht womöglich für sie geträumt hatte. Vielleicht hatte ich sie ganz anders wahrgenommen, als sie eigentlich waren. Waren sie wirklich diese außergewöhnlichen Menschen, die ich so sehr bewundert hatte? Und wenn das alles nur eine Schöpfung meiner Fantasie gewesen wäre? Und wenn ich seit jeher mein eigener Baltimore gewesen wäre?“ (Seite 433)

Alles in allem ein sehr kurzweiliger und spannend zu lesender Gesellschaftsroman, den man (so wie ich) auch gut lesen kann ohne den Vorgänger zu kennen. Auf den nächsten Roman darf man schon gespannt sein:

„Erst das Buch über deine Cousins und jetzt das über die Baltimores . Es wird Zeit, dass du das Buch deines eigenen Leben schreibst.“ (Seite 485)

Joël Dicker: Die Geschichte der Baltimores, Originaltitel: Le Livre de Baltimore, aus dem Französischen übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große, Roman, 512 Seiten, gebunden, Piper Verlag, Erschienen 02.05.2016, ISBN 9783492057646, EUR 24,00, Link zur Verlagsseite

Das Rezensionsexemplar wurde im Rahmen einer Lovelybooks-Aktion zur Verfügung gestellt.

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