Rezension

John Irving – Das Hotel New Hampshire

Manchmal lohnt es sich doch, einem abgebrochenen Buch eine zweite Chance zu geben. So erging es mir mit diesem Roman.

In dem 1981 erschienen Roman „Das Hotel New Hamphire“ erzählt John Irving die tragisch-skurrile Geschichte der Familie Berry. Diese besteht, ebenso wie das übrige, reichhaltige Personal in diesem Roman, aus so vielen ungewöhnlichen, bizarren  Charakteren, dass es bei anderen Schriftstellern vermutlich für fünf Romane gereicht hätte.

„Versteh doch“, erklärte mir Franny Jahre später, „wir sind nicht exzentrisch, wir sind nicht bizarr. Für einander“, sagte Franny, „sind wir so alltäglich wie Regen.“(Seite 233)

Die Berrys, das sind Vater Winslow „Win“, Mutter Mary, der Ich-Erzähler John, sowie seine beiden älteren Geschwister Franny und Frank und die beiden jüngeren Lily und Egg. Außerdem gehört noch Großvater Iowa-Bob, ein Bär namens State-o’Maine und der Familienhund Kummer dazu. Die Erzählung beginnt im Sommer 1939, wo sich Mary und Win bei einem Ferienjob im Strandhotel Arbuthnot-by-the-sea kennen und lieben lernen. Dort machen sie auch die erste Bekanntschaft mit dem Dompteur Freud (nein, nicht der Freud), der mit seinem Bären State-o’Maine Station im Hotel macht.

Die beiden gründen eine Familie, Win hat Freud jedoch versprochen ein Harvard-Student zu werden, was diesem auch gelingt. Sein großer Traum ist aber die Führung eines erfolgreichen Hotels und so kaufen sie kurzerhand eine ehemalige Mädchenschule und versuchen diese mehr schlecht als recht zu einem Hotel umzubauen. Immerhin gibt es jetzt das erste Hotel New Hamspshire.

„Aber mein Vater hatte zwei Illusionen: einmal glaubte er, Bären könnten ein Leben überstehen, wie es von Menschen geführt wird, und zum anderen bildete er sich ein, Menschen könnten ein Leben überstehen, wie es in Hotels geführt wird.“ (Seite 101)

Nach einigen Jahren erhalten Sie Post von ihrem alten Bekannten Freud aus Wien, der dort ebenfalls „Hotel“-Besitzer ist. Er bittet Win um Unterstützung, da er alleine mit der Bewirtschaftung des Hotels nicht wirklich zurecht kommt. So beschließen die Berrys kurzerhand nach Wien überzusiedeln, ohne nähere Einzelheiten zum Hotel zu kennen. Dort treffen Sie jedoch nicht auf ein prachtvolles Luxus-Hotel wie das Sacher, sondern auf ein Haus, randvoll mit schrägen Typen besetzt. Eine Etage ist an Prostituierte vermietet, eine andere an Linksradikale. Ein wirklich gutes Hotel wird auch das zweite Hotel New Hampshire nicht und nach vielen dramatischen Erlebnissen zieht es die Familie zurück in ihre Heimat, wo es schließlich ein drittes Hotel New Hampshire geben wird.

In diese Rahmenhandlung eingebettet sind die Schicksale jedes einzelnen Familienmitglieds, ein jeder von ihnen hat sein Päckchen zu tragen und seine ganz persönlichen Eigenheiten. Der älteste Frank, der erst spät lernen wird mit seiner Homosexualität klar zu kommen, die kleinwüchsige Lily, die eine Karriere als Schriftstellerin machen möchte und so versucht „zu wachsen“, der schwerhörige Egg und nicht zuletzt John und die ständig fluchende und mit Kraftausdrücken um sich werfende Franny, deren gegenseitige Anziehung sich beide lange nicht eingestehen wollen. Immer wieder wird die Familie von unvorhergesehenen Ereignissen und schweren Schicksalsschlägen getroffen, aber wo andere Familien daran zerbrechen würden, schweißt es diese noch viel mehr zusammen und lässt die gegenseitige Liebe noch wachsen.

Ein Buch, das einem klar macht, dass das Leben grausam sein kann, man daran aber nicht zerbrechen muss.

„Es gibt keine Happy Ends“ „Genau!“ rief Iowa-Bob – mit einer seltsamen Überschwenglichkeit und Gleichmut in seiner rauhen Stimme. „Der Tod ist schrecklich und endgültig und kommt oft zu früh“, erklärte Coach Bob. „Na und?“ sagte mein Vater. „Genau!“ rief Iowa-Bob. „Darauf kommt’s an: Na und?“ (Seite 227)

Irvings oft satirischer Ton und seine grotesken Charaktere und Situationen werden vermutlich nicht jedem Leser gefallen. Auch ich habe das Buch vor einigen Jahren abgebrochen, weil es doch auch einige Zeit dauert bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Lässt man sich jedoch vom Erzählfluss treiben, wachsen einem irgendwann die Personen des Romans so ans Herz, dass man wünschte, es würde gar nicht mehr aufhören.

Ein paar unvergessliche Zitate hält dieses Buch auch parat. „Kummer schwimmt immer oben.“ „Halt dich fern von offenen Fenstern!“ „464“ und „Earl!“ sind nur einige davon und (Achtung: an alle Shortlistkandidaten) auch zur Literaturkritik findet sich eine passende Textstelle:

„Die glauben alle, wenn etwas gekünstelt und angestrengt und verfickt schwierig ist, dann sei das besser als etwas Unkompliziertes, Flüssiges und  Verständliches!“ (Seite 557)

Der perfekte Schmöker also für lange Ferientage oder gemütliche Winterabende. Zum „mal-eben-so-Nebenbei-lesen“ ist es, zumindest für mich, eher nicht geeignet.

Da dies mein erstes Buch von John Irving war, bin ich jetzt gespannt auf die weiteren Romane. Von einigen Lesern hört man, dass sich Themen und Personen, in seinen Romanen doch immer wieder sehr ähneln. Vielleicht sollte ich mich daher jetzt, da ich ja relativ unbelastet bin, mit seinem neuesten Werk „Straße der Wunder“ beschäftigen?

Wozu würdet ihr mir raten? Lasst mir gerne Kommentare da.

John Irving: Das Hotel New Hampshire, Roman, Diogenes Verlag, aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans Hermann, 608 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 9783257211948, Eur 12,90, Link zur Verlagsseite 

Pressestimmen: Spiegel-Artikel vom 20.12.1982

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6 Comments

  • Reply Silvia 5. September 2016 at 07:21

    Im Gegensatz zu meinem Mann bin ich gar kein Irving Fan. Allerdings hat mir „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ richtig gut gefallen. Mein Mann hält Owen Meany für sein Bestes. Das neue Buch steht hier schon, er hat es aber noch nicht gelesen.

    • Reply Thomas 5. September 2016 at 20:13

      Hallo Silvia,
      danke für den Tipp. Owen Meany liegt wohl bei den meisten ganz vorne in der Empfehlungsliste, ich kann ihn ja mal für den nächsten Sommerurlaub einplanen 😉
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Tinka 5. September 2016 at 10:30

    Huhu,

    deine Rezension gefällt mir sehr gut, du hast Irving einfach toll zusammengefasst! Genau die Figuren machen seine Bücher meiner Meinung nach aus! Ich kann dir auch Gottes Werk & Teufels Beitrag von ihm empfehlen, es ist verglichen zu seinen anderen Büchern sehr realitätsnah und könnte so tatsächlich irgendwo passiert sein. Ein tolles Buch für den Herbst, da nebenbei die Apfelernte voll im Gange ist und man das Ende des Sommers spüren kann 😉 auf meinem Blog gibt es eine ausführliche Rezension dazu ! LG

  • Reply Thomas 5. September 2016 at 20:17

    Hej Tinka!
    danke für das Lob, man hat ja als Rezensent fast immer das Gefühl dem Autor nicht gerecht zu werden, aber wir arbeiten dran ;-). Deine Rezension werde ich mir auch angucken. Bei dir sind ja auch immer tolle Klassiker und Backlist-Titel zu entdecken.
    Ganz liebe Grüße
    Thomas

  • Reply Tintenhain 18. September 2016 at 07:47

    Ich muss zugeben, ich brauchte zum Aufraffen zu „Owen Meany“ ein Minileseprojekt mit einer Freundin aus dem Lesekreis. Dabei hat mir das Buch dann richtig gut gefallen. Nun steht „Garp“ noch ungelesen im Schrank und ich brauche wohl mal wieder ein Minileseprojekt.
    Die meisten, die gern Irving lesen, mögen seine älteren Bücher lieber – und den letzten. So der Tenor in meinen Büchertreffs.

    Viele Grüße,
    Mona

    • Reply Thomas 18. September 2016 at 18:09

      Hallo Mona,
      ich würde ja als nächstes auch zu Owen Meany tendieren, fast alle raten aber zu Garp, mal schauen, wann ich wieder in der Irving-Lesestimmung bin…
      Liebe Grüße
      Thomas

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