On the road

Leipziger Buchmesse 2017 – Ein Bericht – Teil 1

Dieses Jahr habe ich mir die vollen vier Tage Buchmesse als Programm vorgenommen. Hier kommt Teil 1 meines Berichts.

Im Vorfeld der Messe habe ich mich intensiv mit dem Veranstaltungsprogramm „Leipzig liest“, das auf der Messe und an ganz vielen Lesungsorten in der Stadt stattfindet, beschäftigt. Bei weit über 3000 Veranstaltungen eine sehr zeitintensive Aufgabe, allerdings wird durch die hohe Anzahl an Veranstaltungen für fast jeden Buchgeschmack etwas geboten.

Natürlich sind einige Programmpunkte beliebter als andere, das habe ich direkt bei der ersten Veranstaltung, die ich mir ausgesucht hatte gemerkt. Zum taz-Gespräch mit Ronja von Rönne und Margarete Stokowski hatten sich bereits sehr viele Interessierte eingefunden, der Stand der taz war schon ziemlich überlaufen. Kurzentschlossen habe ich mich dann stattdessen auf den Weg zum ARD-Forum gemacht, wo Denis Scheck, wie immer auf der Buchmesse, seine Buch-Highlights in „Best of Druckfrisch“ präsentierte.

Denis Scheck, hier mit seiner Empfehlung zu „Kompass“ von Mathias Enard, der auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Gewohnt kurzweilig präsentierte Denis Scheck seine Empfehlungen der aktuellen Saison und auch einige Highlights aus seinem „Doofel-Regal“, Bücher, die er im Rahmen der regelmäßigen Lektüre der Spiegel-Bestsellerliste lesen musste und die nicht zu seinen Lieblingen gehören. Darunter auch ein älteres Werk von Donald Trump „Wie man reich wird“ in dem er rät „Überlegen sie es sich gut, wenn sie eine neue Laufbahn einschlagen wollen!“ – hätte er doch auf seinen eigenen Rat gehört. Abraten kann Scheck auch von „Ratgebern“, die die Unmöglichkeit ihres Inhalts bereits im Titel tragen wie beispielsweise „Schlank im Schlaf“ oder „Jedes Kind ist hochbegabt“. Er fühlt sich dann immer animiert auch ein solches Buch zu schreiben, Arbeitstitel: „Nüchtern durch mehr Saufen“. Empfehlungen gab es unter anderem zu „Kompass“ von Mathias Enard, einen Lyrik-Band des für seinen Roman „2066“ bekannten Autors Roberto Bolano: „Die romantischen Hunde“ (Hanser Literaturverlage) und einen neuen Band von F.W. Bernstein „Frische Gedichte“ (Verlag Antja Kunstmann). Auch zu Hanya Yanagihara und ihren Roman „Ein wenig Leben“ (Hanser Literaturverlage) hat er eine klare Meinung: Für ihn ein starkes Stück Literatur, die kritische Meinung von Sigrid Löffler kann er nicht nachvollziehen. Ebenso gab es eine klare Empfehlung zur Romanreihe von Elena Ferrante (suhrkamp). Seiner Meinung nach „Weltliteratur“ im Gegensatz zur Einordnung einiger Kritiker als „Unterhaltungsromane“.

Anschließend war Zeit, um in Ruhe durch die Hallen zu gehen und weitere Eindrücke aufzunehmen. Hier ein paas Impressionen:

Dann ein interessantes Gespräch am Stand der FAZ. Kaum ein Schriftsteller hat die Werke moderner Autoren, gerade im Bereich der Kriminal- und Phantastikliteratur, stärker beeinflusst als das Werk des 1809 in Boston geborenen Edgar Allan Poe. Dabei wären seine Werke beinahe in Vergessenheit geraten, da er in seinem Heimatland anfangs nicht verstanden und fast ausschließlich schlecht von der Kritik besprochen wurde. Dass Poe dann doch nicht vergessen wurde und er dann, gerade auch in Europa, viele Leser fand, geht zu einem großen Teil auf die unermüdliche Arbeit des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire zurück, der in Poe einen Geistesverwandten sah und ihn für das schätzte, was er vermutlich war: der Wegbereiter der literarischen Moderne. Bereits 1845 und 1848 übersetzte Baudelaire einzelne Erzählungen ins Französische und  1856 wurde ein erster Band mit Übersetzungen veröffentlicht, in denen Baudelaire die Erzählungen auch kommentierte. Es folgten vier weitere weitere Bände, mit den Baudelaire den amerikanischen Schriftsteller nach Europa brachte.

An diesen Bänden orientiert sich die neue Ausgabe des dtv-Verlags, die Andreas Nohl jetzt neu übersetzt hat und von der der erste Band kürzlich erschienen ist. Die weiteren Bände folgen in den nächsten Jahren. Am Stand der FAZ sprach Andreas Nohl über seine Arbeit und das Werk von Edgar Allan Poe. Wie wichtig das Werk Poes für Baudelaire war kann man auch an den Einnahmen aus einer Übersetzung sehen. Zwei Dritel des Einkommens von Charles Baudelaire gehen auf seine Übersetzertätigkeiten zu Poe zurück, gleichzeitig hat sein Werk auch das Schreiben des Franzosen stark beeinflusst. Warum jetzt eine Neuüberstzung ins Deutsche? Den meisten deutschen Lesern wird Poe durch die Übersetzungen von Arno Schmidt und Hans Wollschläger aus den 1960er-Jahren bekannt sein, die Andreas Nohl auch sehr schätzt. Allerdings klingt für Nohl in dieser Übersetzung Poe nicht wie ein moderner Schriftsteller, wie er das im Original tut, vielmehr wird nach seiner Meinung Poes Sprache künstlich „barockisiert“, was ihn eher wie einen Schriftsteller des 17. oder 18. Jahrhunderts klingen lässt. Daher, so Nohl: „Wer gerne Arno Schmidt liest, wird an der Übersetzung seine Freude haben, wer Poe lesen möchte, eher nicht.“

Gegen ein künstliches „barockisieren“ von Edgar Allan Poe – Andreas Nohl (rechts) über seine Neuübersetzung von Edgar Allan Poe.

Nach einem kurzen Abstecher in die Bloggerlounge geht es dann auch schon weiter zur nächsten interessanten Lesung. Diesmal war ich rechtzeitig am Stand der taz, wo Fatma Aydemir, Autorin und Redakteurin bei der taz ihren Roman „Ellbogen“ vorstellte.

Fatma Aydemir (links) im Gespräch über ihren Debut-Roman „Ellbogen“

Aus der Inhaltsbeschreibung zum Roman von der Internetseite des Hanser-Verlags: „Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.“

Mit ihrer Protagonistin Hazal gibt uns die Autorin einen Einblick in das Leben einer jungen deutsch-türkischen Frau, die sich deutlich von den gängigen Klischees, die zu dieser Gruppe existieren, unterscheidet. Fatma Aydemir betont jedoch, dass der Roman keine autobiographischen Züge trägt. Ein vielversprechender Roman, der vielleicht dazu beiträgt, das Leben türkischer Familien in Deutschland besser zu verstehen.

Zum Abschluss des Tages gab es dann noch einen Abstecher zur Lyrik. Alle, die glauben, damit nichts anfangen zu können, sei die wunderbare Nora Gomringer empfohlen, bei ihrem Programm muss man aber wohl eher von „Performance“ statt von „Lesung“ reden. Mit ihrem Gedichtband „Moden“ schließt sie ihre „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“ ab. Das Buch ist jetzt beim Verlag Volland & Quist erschienen. Der Band enthält nicht nur wunderbare Gedichte von Nora Gomringer, sonder auch gelungene Illustrationen von Reimar Limmer.

Nora Gomringer und ihre Gedichte über „Moden“

Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich die Preisträger des Preises der Leipziger Buchmesse. Die offizielle Preisverleihung war wohl der offizielle Höhepunkt des ersten Messetages. Das sind die Siegertitel:

Belletristik: Natascha Wodin – Sie kam aus Mariupol (Rowohlt)
Sachbuch/Essayistik: Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia – Die Kaiserin ihrer Zeit (C.H. Beck)
Übersetzung: Eva Lüdi Kong – Die Reise in den Westen (Reclam)

Einen Bericht zu den Preisträgerinnen Der Preis der Leipziger Buchmesse ist weiblich gibt es auf dem Blog von Mara Giese buzzaldrins.de , die für ihren Blog exclusiv vom „Blauen Sofa“ (eine Gemeinschaftsproduktion von Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und dem ZDF auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig) berichtet.

Hier noch ein paar Eindrücke vom ersten Messetag:

GewoMerken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Previous Post Next Post

You Might Also Like

6 Comments

  • Reply Silvia 26. März 2017 at 18:21

    Mensch, bist du schnell. Wie hast du das gemacht?
    Ellbogen lese ich gerade. Die Autorin habe ich Donnerstagabend kennenlernen dürfen.
    Das Buch hat ein ziemliches Tempo.
    Ich habe mich sehr gefreut, dich mal wieder persönlich zu treffen und hoffe, dass wir alle Karten für die Litblogconvention bekommen.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Reply Thomas 27. März 2017 at 22:37

      Hallo Silvia,
      ja, am Samstag hatte ich einen kleinen Messe-Burnout und etwas Kopfschmerzen. Daher schon früh im Hotel gewesen und etwas ausgeruht. Da hatte ich dann abends noch Zeit für den Artikel. Mit der Fortsetzung werde ich etwas länger brauchen. Ellbogen werde ich mir kurzfristig auch vornehmen, hört sich wirklich sehr interessant an.
      Mich hat es auch gefreut euch wiederzusehen und die tolle Lesung am Freitag hätte ich ohne euch bestimmt nicht erlebt. Danke nochmal dafür 😉 Ich drücke uns allen die Daumen für Freitag – auf dass die Kartenbestellung klappt!
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Ascari 27. März 2017 at 22:34

    Hi!

    Ach, Denis live, das war auch für mich immer wieder ein Highlight … Oh, und dieses Mal trägt er gar keine seiner quietschbunten Socken? Wie schade :D.

    Darüber hinaus: Vielen Dank für diesen ersten Bericht, der auch andere Aspekte der Messe zeigt :). Gerade als Zuhausgebliebene schätze ich es durchaus, wenn die Blogberichte über die der üblichen Auflistungen der Bloggertreffen bei den Jugendbuch-Verlagen hinausgehen, denn die Messe ist so viel mehr als das …

    Liebe Grüße
    Ascari

    • Reply Thomas 27. März 2017 at 22:41

      Hallo Ascari,
      lieben Dank für deinen Kommentar. Die Fortsetzung des Berichts folgt in den nächsten Tagen. Ich versuche immer über Themen zu berichten, die ich auch gerne lesen würde und hoffe, dass dies bei anderen auch auf Interesse stößt. Dann bekommt man bei der Vielzahl der berichtenden Blogs einen schönen Querschnitt an Eindrücken geboten. Über die Großereignisse der Messe wie die Preisverleihung berichten die offiziellen Medien schon sehr gut, da können die Blogger sich m.E. auf andere Themen spezialisieren.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Nisnis 31. März 2017 at 15:56

    Lieber Tommy,

    vielen Dank, dass du deine Eindrücke von der Messe so ausführlich geschildert hast, da waren ja einige Highlights für dich dabei.

    Ich habe mich sehr gefreut, dich persönlich zu treffen.

    Liebe Grüße

    Nisnis

    • Reply Thomas 3. April 2017 at 06:12

      Hallo Nisnis,
      hat mich auch sehr gefreut, auch wenn die Zeit im Messetrubel immer viel zu schnell vergeht. Ich hoffe, wir sehen und bald mal wieder auf einem anderen Event wieder.
      Liebe Grüße
      Thomas

    Leave a Reply