Rezension

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

„Fürs Töten braucht man nicht unbedingt einen Grund. Wir sind hier im Getto. Reiche Leute haben Gründe. Wir haben den Wahnsinn.“ (Seite 26)

Als Leser sollte man sich vom Titel des Romans nicht in die Irre leiten lassen. Das 2015 mit dem englischen Man Booker Prize ausgezeichnete Werk von Marlon James ist weder kurz, noch sind es „nur“ sieben Morde, die in dem Roman geschildert werden. Auf 864 Seiten gibt uns der Autor einen Einblick in die dramatische Geschichte des Inselstaats Jamaika.

Geschichtlicher Hintergrund

Um die Ereignisse schon am Anfang des Romans richtig einordnen zu können ist es hilfreich ein paar Fakten über die Geschichte Jamaikas zu kennen: Die Insel war bis 1962 eine britische Kolonie. Nach der Unabhängigkeit übernahm die konservative „Jamaican Labor Party“ (JLP) die Regierungsgeschäfte, führte das Land aber aufgrund von Misswirtschaft in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Korruption greift in großen Teilen der Politik um sich, es herrscht eine ständig steigende Arbeitslosigkeit und insbesondere in der Hauptstadt Kingston nimmt die Verelendung immer größere Ausmaße an. Die Straßen in den riesigen Gettos der Insel werden von rivalisierenden Gangs beherrscht, die in ihren Gebieten mit brutaler Gewalt gegen ihre Gegner vorgehen. Täglich kommt es zu Todesopfern bei diesen Bandenkriegen. Dabei werden sie von den verschiedenen politischen Gruppierungen unterstützt.

„So etwas wie Frieden gibt es im Getto nicht. Es gibt nur diese Tatsache: Ich kann dich töten, du kannst mich töten, also herrscht Gleichstand“ (Seite 527)

Ab 1968 wird die Not in der Bevölkerung so groß, dass es zu Demonstrationen und gewaltsamen Unruhen kommt. Zu dieser Zeit entwickelt sich auch der Reggae und sein bekanntester Vertreter Bob Marley wurde auch international sehr populär.

Als politischer Gegenpol zur JLP organisierte sich die „People’s National Party“ (PNP) und gewinnt 1972 die Wahlen. Die vom Parteiführer Michael Manley verfolgte Politik des demokratischen Sozialismus nach kubanischem Vorbild ist den USA jedoch ein Dorn im Auge. Neben Fidel Castro auf Kuba möchte man keinen weiteren kommunistischen Führer auf Jamaika haben.

Der Anschlag auf Bob Marley

Um ein Zeichen für den Frieden auf seiner Heimatinsel zu setzen lässt sich Bob Marley davon überzeugen ein Gratiskonzert zu geben. Das unter dem Motto „Smile Jamaica – Help my people, help them right!” stehende Konzert soll am 5. Dezember 1976 stattfinden. Bob Marley selber betont in den Vorbereitungen immer wieder, dass das Konzert, wie auch seine sonstige Arbeit, absolut unpolitisch zu verstehen ist. Dies wird jedoch durch die überraschende Ankündigung von Neuwahlen durch die Regierungspartei konterkariert. Bereits am 20. Dezember 1976 sollen Neuwahlen stattfinden, das angekündigte Friedenskonzert erhält dadurch den Eindruck einer politischen Veranstaltung.

Am Abend des 3. Dezember 1976 dringen sieben schwer bewaffnete Männer in das Haus von Bob Marley ein und schießen wild um sich. Seine Frau Rita und sein Manager werden schwer verletzt, können sich aber im Krankenhaus anschließend erholen. Bob Marley selber wird nur leicht verletzt. Die bis heute nicht vollständig geklärten Hintergründe dieser Tat versucht Marlon James mit seinem Roman aufzuklären.

Unzählige Charaktere, viele Erzähler

Die geschichtlichen Hintergründe zu kennen ist für diesen Roman deshalb wichtig, weil der Autor auf einen allwissenden Erzähler komplett verzichtet, die Zusammenhänge muss sich der Leser selber erschließen. Das Buch wird vollständig aus der abwechselnden Sicht von dreizehn Personen erzählt und beginnt am Vorabend des Anschlags, dem 2. Dezember 1976. Der Leser erfährt, wie einige der beteiligten Personen diesen Tag verbracht haben. Das Figurenpersonal ist dabei sehr vielfältig und reicht von der Erzählung eines Gangsterbosses und  von Gang-Mitgliedern über einen Reporter des amerikanischen Rolling-Stone-Magazins und dem örtlichen CIA-Chef bis zu einer jungen Jamaikanerin, mit der Bob Marley kürzlich eine Affäre gehabt hatte. Da wird der Leser recht unvorbereitet in die jeweilige Handlung geworfen, nach den ersten Kapiteln hat man sich daran jedoch schnell gewöhnt. Das dem Buch vorangestellte vierseitige Personenverzeichnis ist am Anfang des Buches sehr hiflreich.

Die Schwierigkeit in der gewählten Erzählform liegt für den Autor darin, den Protagonisten eine jeweils eigene, authentische Stimme zu geben, damit sich diese auch klar unterscheiden. Das ist im vorliegenden Fall aus meiner Sicht jedoch sehr gut gelungen, die Gang-Mitglieder hören sich anders an als ein (verstobener) Politiker, der Rolling-Stone-Reporter anders als die junge Jamaikanerin. Das führt allerdings auch zu ungewöhnlichen Textpassagen, wenn beispielsweise ein Gangmitglied im Drogenrausch ein ganzes Kapitel ohne Punkt und Komma erzählt. Zahlreiche (nicht übersetzte) jamaikanische Slang-Ausdrücke fließen in den Text ein, das angehängte Glossar erklärt diese jedoch sehr gut.

Die Jahre nach 1976

Die ersten beiden der insgesamt fünf Teile des Buches widmen sich dem Anschlag auf Bob Marley und die Vorbereitungen dazu. In den drei anderen Teilen des Buchs verfolgen wir das Schicksal einiger Protagonisten in den Jahren 1979, 1985 und 1991. Der Handlungsort verlagert sind in diesen Teilen des Buches von Jamaika nach New York, wo einige der jamaikanischen Gangster groß in das Drogengeschäft eingestiegen sind. In diesem Teil des Buches weist der Roman einige Längen auf, da einige Kapitel nicht oder nur unwesentlich zum Handlungsverlauf beitragen. Allerdings folgen auf solche Kapitel auch wieder Abschnitte, die spannend zu lesen sind und deren absurd-brutalen Beschreibungen den Text merklich auflockern. Da kommt bei all der geschilderten Gewalt ein großes Stück Tarantino-Feeling auf.

Und wenn der in den ersten Kapiteln eingeführte Reporter in New York über einen mehrfachen Mord in einem Crack-Haus berichtet und seine Reportage „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ nennt, schließt sich auch der Kreis, den der Autor zu Anfang dieses gewaltigen Romans begonnen hat.

Fazit

Selten fiel es mir nach einer Romanlektüre so schwer zu einem eindeutigen Urteil zu kommen. Marlon James erzählt eine komplexe und ausufernde Geschichte und beleuchtet kritisch die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe auf seiner Heimatinsel Jamaika. Ein Gesellschaftsporträt, das ein Bild des Inselstaates zeichnet, das sehr weit entfernt ist von dem weit verbreiteten Klischee des glücklichen Sonnenstaates Jamaika. Die Menschen dort leiden unter staatlicher und polizeilicher Willkür. Ausufernde Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie gehören zum Alltag der Bevölkerung. Das Lebensgefühl dieser Menschen zu schildern gelingt dem Autor hervorragend. Auch die Beschreibung des kritisch zu sehenden Einflusses, den die USA auf den Inselstaat haben, hat mir sehr gut gefallen.

Allerdings weist das Buch auch deutliche Längen, insbesondere im Mittelteil der Erzählung auf, da ist vom Leser etwas Durchhaltevermögen gefordert. Durch die Verwendung der Ich-Perspektive fehlt ein allwissender, erklärender Erzähler, es wäre daher ratsam sich etwas Hintergrundwissen über Jamaika anzulesen. Der wikipedia-Artikel sollte hierfür aber genügen.

Leser, die ein komplex konstruiertes Gesellschaftsporträt lesen möchten werden von dem Roman begeistert sein, wer einen einfach gestrickten Kriminalroman mit einem spannenden Plot sucht wird wohl eher enttäuscht sein.

Von mir daher eine eingeschränkte Empfehlung für dieses monumentale Epos.

„Die Leute müssen das wissen. Sie müssen wissen, dass es einmal diese Chance gab, dass wir es hätten schaffen können, verstehst du? Wir hätten es wirklich schaffen können. Die Leuten hatten einfach genug Hoffnung und waren müde genug und hatten überhaupt genug und träumten genug, dass etwas passieren hätte können.“ (Seite 712)

Über den Autor:

„Marlon James wurde 1970 als Sohn zweier Polizeibeamter in Kingston geboren. Mehr als zehn Jahre arbeitete er als Werbetexter und Grafikdesigner, u.a. für den Dancehall-Musiker Sean Paul und das T-Magazin der New York Times. Bei einem Literaturworkshop in Jamaika wurde eine Dozentin der Wilkes University Pennsylvania auf James aufmerksam und verschaffte ihm ein Masterstudium in Kreatives Schreiben sowie eine Assistentenstelle. Sein erster Roman John Crow’s Devil erfuhr über siebzig Ablehnungen, ehe er einen Verlag fand und in der Folge als bestes Debüt für den »Los Angeles Times Book Prize« und den »Commonwealth Writers’ Prize« nominiert wurde. Für sein 2009 erschienenes Nachfolgewerk The Book of Night Women über eine Revolte jamaikanischer Sklavinnen während der Kolonialzeit erhielt James den »Dayton Literary Peace Prize« und den »Minnesota Book Award«. Sein dritter Roman Eine kurze Geschichte von sieben Morden, wurde ebenfalls vielfach ausgezeichnet. Als erster Jamaikaner erhielt James den »Man Booker Prize«. Marlon James lebt offen homosexuell und hat seine Heimat wegen der dort vorherrschenden Ressentiments und teils gewaltsamer Übergriffe verlassen. Er lebt heute in Minneapolis, Minnesota.“ (Autoreninfo von der Seite des Heyne-Verlags)

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden (Original: A Brief History of Seven Killings), Roman, aus dem Englischen übersetzt von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze, Heyne Verlag, 864 Seiten, gebunden, Erschienen: 13.03.2017, ISBN 978-3453270879, Euro 27,99, Link zur Verlagsseite

Ich bin auf weitere Meinungen zu diesem Buch gespannt, schreibt mir gerne eure Gedanken  in die Kommentare.

Previous Post Next Post

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Friederike 30. April 2017 at 14:40

    Lieber Thomas,

    vielen Dank für diese konstruktive Besprechung.

    Viele Grüße,
    Friederike

    • Reply Thomas 1. Mai 2017 at 18:29

      Hallo Friederike,
      vielen Dank für das Feedback, ich hoffe, ich konnte die Vor- und Nachteile des Buches einigermaßen verständlich machen.
      Liebe Grüße
      Thomas

    Leave a Reply