Rezension

Matt Thorne: Prince – Die Biografie / Prince: Purple Rain Deluxe Edition

Am 21.April 2016 starb einer der einflussreichsten und bedeutendsten Musiker unserer Zeit. Pünktlich zum ersten Todestag von Prince erschien am 28.04.2017 die deutsche Übersetzung der Biografie von Matt Thorne aus dem Jahre 2012, die vom Autor jetzt um ein postumes Kapitel erweitert wurde. In meinem Beitrag versuche ich zu erklären, für wen sich der Kauf lohnt und werfe einen Blick auf die kürzlich veröffentlichte Neuauflage seines wohl erfolgreichsten Albums Purple Rain.

Die Biografie

Jedem, der sich ein bisschen mit dem Leben und Werk von Prince beschäftigt hat, dürfte klar sein, dass es für einen Journalisten fast unmöglich war, etwas über den Menschen Prince zu erfahren. Er gab fast nie Interviews und in den seltenen Gesprächen, die tatsächlich stattfanden, hat er oft bewusst falsche und irreführende Antworten gegeben. Aus seiner Verachtung gegenüber der schreibenden Zunft hat er –zumindest zu Beginn seiner Karriere- keinen Hehl gemacht, er war der Meinung, dass der einzige Mensch der ihn verstehen konnte, er selber sei.

Umso erstaunlicher, dass es dem Journalisten, Kritiker und Autoren Matt Thorne über viele Jahre, in denen er über die Musik von Prince geschrieben hat, gelungen ist, trotzdem einen Zugang zu dieser schwierigen Persönlichkeit zu finden. Diese erschließt sich allerdings im Wesentlichen über sein gewaltiges musikalisches Werk.

In 38 Kapiteln gibt uns Matt Thorne einen chronologisch geordneten Überblick über die (bisher veröffentlichte) Musik, von seinem Debutalbum For You aus dem Jahre 1978 bis zu seinem letzten veröffentlichten Album Art Official Age (2014). Er beschreibt sehr detailliert die Entstehungs- und Produktionsgeschichte fast jedes einzelnen Songs. Hierzu greift er sehr ausführlich auch auf zahlreiche Berichte, Interviews und Bücher von Bandkollegen und anderen Weggefährten von Prince zurück. Die unzähligen (sehr klein gedruckten) Fußnoten lassen das 544 Seiten starke Buch fast doppelt so dick erscheinen.

Die Genauigkeit, mit der Thorne auf das Werk des musikalischen Genies eingeht, lässt erkennen, dass der Autor selber einer der größten Fans des Musikers ist und über eine äußerst umfassende Kenntnis des bisher bekannten Materials verfügt. Dies gestaltet sich bei Prince besonders schwierig, da es neben den veröffentlichten Alben unzählige Songs gibt, die er ausschließlich live spielte. Daher kursieren vermutlich auch von keinem anderen Künstler so viele Bootlegs (nicht genehmigte Mitschnitte von Konzerten oder Soundproben). Das kurz vor der Veröffentlichung zurückgezogene, mysteriöse Black Album war lange Zeit das bekannteste Bootleg und nur über dunkle Kanäle zu bekommen. Später wurde es dann doch offiziell veröffentlicht.

Was in der Biographie klar zum Ausdruck kommt ist, dass Prince ein absoluter Workaholic war und zeitweise vor lauter Ideen nicht wusste, wohin mit seiner schier unerschöpflichen kreativen Energie. Unermüdlich schrieb und produzierte er Songs, die dann oftmals aber gar nicht veröffentlicht wurden, sondern vorerst in seinem gigantischen Musikarchiv „The Vault“ gelagert wurden um sie gegebenenfalls später wieder aufzugreifen. Bezeichnend hierfür seine im Vorfeld des Albums Sign o‘ the times produzierten Songs. Zu diesem Zeitpunkt trennte er sich von großen Teilen seiner langjährigen Band The Revolution, was für viele seiner Bandkollegen überraschend kam. Für Wendy Melvoin (Gitarre, Gesang) und Lisa Coleman (Klavier, Keyboard, Gesang) war es ein Schock:

Zurück in LA nahm er Lisa und mich beiseite und sagte: „Ich muss mich von euch trennen.“ Und wir so: „Aber wir haben gerade Material für fünf Platten fertiggestellt.“ Wir vermuteten, dass er uns deswegen feuerte, weil er die Kontrolle verloren hatte und sie zurückgewinnen musste.(Seite 155)

Prince unbedingter Wunsch, über seine eigene Musik frei bestimmen zu können, führte 1993 auch zum Zerwürfnis mit seiner Plattenfima Warner Bros. Records, da er sich in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt fühlte. Statt eines Namens verwendete Prince jetzt nur noch ein Symbol als Erkennungszeichen, zeitweise wurde von ihm auch nur als TAFKAP (The artist formerly known als Prince) gesprochen. Trotzdem produzierte er weiterhin unermüdlich Platten und nach dem Auslaufen seines Vertrags mit Warner Bros. probierte er auch zahlreiche neue Vertriebswege für seine Musik aus. Damit war er auch ein Vorreiter für neue Geschäftsmodelle von Musikern, die bisher immer von den Plattenfirmen abhängig waren. Seine Musik konnte man zeitweise nur erwerben, wenn man in seinem NPG Music Club Mitglied wurde. Damit verschwand er für einige Zeit für die breite Allgemeinheit von der Bildfläche, wahre Fans wurden aber über den Musik Club weiterhin mit neuen Platten versorgt. 2004 gab es dann ein vielbeachtetes Comeback, nachdem Prince zusammen mit Beyoncé einen denkwürdigen Auftritt bei den Grammy-Awards ablieferte.

Der Live-Künstler Prince

Einen besonderen Reiz an Prince‘ künstlerischem Werk waren seine außergewöhnlichen Konzerte, bei denen man nie wusste, welche Songs er spielen würde. Seine jeweilige Setlist änderte er oft scheinbar spontan von Abend zu Abend. Daher lohnte es sich für die härtesten seiner Fans so viele Konzerte von ihm wie möglich zu besuchen, da jeder Abend ein komplett anderes Konzert bieten konnte. Seine Meisterleistung hierzu lieferte er 2007 ab, als er für die Konzertreihe 21 Nights in London tatsächlich 21 Konzerte in der Londoner o2-Arena gab, denen an den meisten Abenden noch ein zusätzliches Clubkonzert im kleinen Rahmen für seine treuesten Fans folgte.

„Es hieß, Prince habe 150 Songs geprobt und würde das Set jeden Abend neu durchmischen. Dies war für langjährige Fans der Anreiz Tickets für mehrere Konzerte zu kaufen…“ (Seite 407)

Matt Thorne hat tatsächlich 19 der 21 Konzerte und die meisten der Clubkonzerte besucht und auch hiervon berichtet er in dem Buch ausführlich. Insofern enthält das Buch also auch eine ausführliche Dokumentation dieser legendären Konzertreihe.

Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche Fotos aus Prince‘ Leben, die ihn und einige seiner Weggefährten zeigen sowie einen Anhang in dem der Interessent eine Bibliographie mit zahlreichen weiteren Büchern über Prince findet.

Fazit

Matt Thorne liefert mit Prince – Die Biografie ein umfassendes und bis in das kleinste Detail recherchierte Bild des musikalischen Werkes von Prince. Entstehungs- und Produktionsgeschichte fast aller seiner Songs (und ebenso der unzähligen Arbeiten für andere Künstler, die er produziert und gefördert hat) werden, ebenso wie viele seiner Live-Auftritte, minutiös geschildert. Allerdings bleibt der Mensch und Künstler Prince weiterhin geheimnisvoll. Prince‘ Gedanken und Motivation zu seinem Werk gehören aufgrund seiner fehlenden Äußerungen dazu in das Reich der Spekulation und werden von Thorne daher auch selten aufgegriffen. Wirkliche Einsichten und Erkenntnisse erschließen sich dem Leser daher kaum. Für literarisch interessierte Leser ist dieses Buch in meinen Augen daher eher nicht geeignet. Prince-Fans hingegen erhalten einen wohl einmaligen Überblick über das Werk dieses Ausnahmekünstlers. Diese „biografische Enzyklopädie“ dürfte daher für Fans das Standardwerk über Prince sein.

Man kann nur hoffen, dass sich die Erben von Prince einigen können und wir noch in den Genuss zahlreicher im „Vault“ verborgener Titel kommen. Hoffentlich werden dann auch einige seiner inzwischen vergriffenen Alben wieder neu aufgelegt, denn wie schreibt Matt Thorne so treffend im ersten Kapitel:

„Ein Werk, das trotz der großen Anerkennung, die ihm für seine größten Songs und Alben zuteil wurde, in seiner Gesamtheit erst noch erforscht und verstanden werden muss.“ (Seite 25)

Über den Autor:

Matt Thorne, geboren 1974 in Bristol, Studium in Cambridge und St. Andrews, hat sich als Romanautor einen Namen gemacht. Für sein Buch »Cherry« war er für den Man Booker Prize nominiert. Er lehrt kreatives Schreiben in London und arbeitet als Literatur-, Film- und Musikkritiker für verschiedene Printmedien und Radiosender in Großbritannien. An der vorliegenden Biografie arbeitete er über 7 Jahre.

Matt Thorne: Prince – Die Biografie, aus dem Englischen übersetzt von Daniela Papenberg, Michael Sailer und Martina Walter, Edel Verlag, 544 Seiten, gebunden,  ISBN 9783841905239, Euro 29,95,  (Link zur Verlagsseite).

Eine weitere Besprechung zum Buch findet ihr auf Sounds and Books.

Zahlreiche Informationen zu Prince und seinem Werk gibt es auf PrinceVault.

Purple Rain (Deluxe Expanded Edition)

Am 23. Juni 2017 erschien mit der technisch überarbeiteten „Deluxe Expanded Edition“ das wohl bekannteste Werk von Prince Purple Rain in einer dem aktuellen Stand der Technik entsprechenden Fassung.

Wie man der Biografie entnehmen kann hätte es Teile des Albums in der vorliegenden Form beinahe gar nicht gegeben, denn das Instrumentalstück des Titelsongs schickte Prince vorher an Stevie Nicks mit der Bitte hierfür einen Text zu schreiben.

„Er war so überwältigend, dieser Zehn-Minuten-Track, dass ich beim Anhören Angst bekam. Ich rief ihn an und sagte:  „Ich kann das nicht. Ich wünschte, ich könnte; es ist zu viel für mich.“ Ich bin froh, dass ich’s nicht getan habe, weil er dann den Text schrieb, nämlich Purple Rain.“ (Seite 102)

Der große Erfolg des Albums liegt wohl auch daran, dass es keinen einzigen Ausfall auf Purple Rain gibt. Vom rockigen Opener Let’s go crazy über Take me with u und alle weiteren Songs bis zum finalen Purple Rain eine perfekte Mischung aus Rock, Pop, Funk und Soul, die bis heute nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat. Kurioser Fakt am Rande: Dem Lied „When doves cry“ räumte die Band damals keine Chance ein, nachdem Prince ein Demo zur Probe mitbrachte:

„Wie willst du ohne Bass einen Hit landen?“ Und er prahlte, das könne nur er. (Seite 114)

Es sollte einer der größten Hits von Prince werden. Das eigentlich interessante an der Neuveröffentlichung sind aber die beiden enthaltenen Bonus-Discs sowie die Konzert-DVD “Prince And The Revolution Live At Carrier Dome, Syracuse, N.Y., March, 1985“.

Die Bonus-Discs enthalten erstmals bisher unveröffentlichte Songs aus dem legendären Musikarchiv „The Vault“ sowie einige Stücke, die erstmals in voller Länge vorliegen. Erwähnenswert hierbei vor allem das Instrumentalstück Father’s Song, das von Prince‘ Vater John L. Nelson komponiert wurde und hier erstmals in voller Länge zu hören ist und das im Film Purple Rain ebenfalls nur kurz angespielte God, dem „Love Theme“ des Films. Unentdeckte Mega-Hits wird man auf den jetzt vorliegenden Stücken nicht finden, es sind jedoch durchweg gute Songs, die perfekt in das musikalische Umfeld von Purple Rain passen und das Gesamtbild abrunden. Besonders gut haben mir auch die Langversionen von Computer Blue und Erotic City gefallen.

Die Konzert-DVD gibt ebenfalls einen interessanten Einblick in die frühen Jahre des Multitalents und seiner Band. Verglichen mit heutigen Konzertfilmen muss man allerdings gewaltige Abstriche bei der Präsentation machen. Sowohl der Klang als auch die Anzahl der verwendeten Kameras entsprechen in keinster Weise dem heutigen Stand der Technik, dennoch bietet die DVD ein interessantes Stück Musikgeschichte.

Fazit:

Für einen sehr geringen Mehrpreis erhält man hier eine tontechnisch verbesserte Version eines der besten Alben der Musikgeschichte sowie zahlreiche bisher nicht veröffentlichte Songs und Alternative-Versionen bekannter Lieder. Die Konzert-DVD und das ausführliche Booklet runden das stimmige Gesamtpaket ab. Kleiner Wermutstropfen ist einzig die Verpackung, die als einfache Pappverpackung daherkommt, die einzelnen CD’s werden lediglich in die Papphülle geschoben. Da sind Kratzer vorprogrammiert.

 

3 + 1 Empfehlungen für Prince-Einsteiger

Glücklich, wer die weite Welt von Prince‘ Musik noch entdecken kann. Zum Einstieg kann ich folgende Werke guten Gewissens empfehlen:

The Hits / The B-Sides (Kompilation, 1993)

Auf diesem 3-CD-Set sind sie wirklich alle zu finden: Die großen Hits von Prince von 1999 über Kiss bis Diamonds and Pearls und Sexy MF, ergänzt um interessante B-Seiten. Besonders erwähnenswert ist hier die Version seines Hits Nothing Compares 2 U, das in der Version von Sinead O’Connor weltberühmt wurde, mir aber in der hier vorliegenden Version (als Duett mit Rosie Gaines) fast noch besser gefällt. Gleiches gilt für I feel for you, das er ursprünglich für Chaka Khan geschrieben hatte.

 

 

 

Sign o‘ the times (1987)

Diese Platte haute Fans und Kritiker aus den Socken. Eine wilde, aber immer stimmige Mischung aller möglichen Stilarten von Rock, Pop, Jazz, Soul und Funk bis zum Hip-Hop (Housequake) zeigen die gewaltige Bandbreite von Prince’ musikalischem Werk. Ursprünglich als 3-CD-Set geplant kürzte Prince das Album auf Druck seiner Plattenfirma auf ein Doppelalbum herunter, übrig bleibt ein Meilenstein der Musikgeschichte. Das Lesen der Biografie von Matt Thorne entzaubert ein Stück weit den Erfolg dieses Albums, denn es war keineswegs, wie von vielen angenommen, ein Album, das erst kurz vor Veröffentlichung entstanden ist. Prince griff hier auf viele ältere Titel seines Musikarchivs zurück, tatsächlich waren die Songs also im Laufe mehrerer Jahre entstanden.

 

Lovesexy (1988)

Das ursprünglich als durchgehende Suite gedachte Album Lovesexy erschien bei Erstveröffentlichung tatsächlich nur als CD mit einem Stück, welches allerdings 45 Minuten lang war. Trotzdem wurden einige Singles ausgekoppelt und die Neuauflagen, die auch jetzt noch erhältlich sind, sind wieder in einzelne Tracks aufgeteilt. Mit AnnaStesia, GlamSlam und AlphabetStreet enthält das Album einige der stärksten Prince-Songs. Aus dem kurz zuvor zurückgezogenen Black Album schafft es die Ballade When 2 R in Love noch auf Lovesexy.

 

 

DVD: Sign o‘ the times – Der Konzertfilm

Dieser für das Kino produzierte Konzertfilm zur Sign o‘ the  times – Tour aus dem Jahre 1987 bietet einen grandiosen Einblick in Prince‘ Fähigkeiten als Live-Musiker. Höhepunkt für mich: Die eindrucksvolle Performance der Band bei Charlie Parkers Now’s the time , das mit einem genialen Schlagzeugsolo von Sheila E. endet.

 

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4 Comments

  • Reply Sonja Béland 3. Juli 2017 at 13:11

    Hallo Thomas,

    Meine beste Freundin ist der größte Prince Fan und die Biografie hört sich nach dem perfekten Geschenk an 🙂 Ich selbst bin mehr an der Deluxe Edition von Purple Rain interessiert. Schade, dass von ihm als Person so gut wie nichts aufgezeichnet wurde, aber ich kann auch verstehen, das er das nicht wollte.

    LG Sonja

    • Reply Thomas 3. Juli 2017 at 19:20

      Hallo Sonja,
      ja, Prince muss man sich wohl über die Musik erschließen. Allerdings gibt es ja (wie im Anhang des Buches zu lesen) noch zahlreiche andere Bücher über ihn, vielleicht kommen diese ihm näher. Die Neuauflage von Purple Rain lohnt sich m.E. auf jeden Fall, ich habe dann jetzt mal wieder zu einigen lange nicht gehörten Prince-Platten gegriffen.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Steffie 3. Juli 2017 at 18:02

    Hi Thomas
    und hier ist auch schon die beste Freundin von Sonja!
    Vielen herzlichen Dank für deine Rezension. Prince wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, was bin ich so froh ihn damals in München gesehen zu haben und einen winzigen persönlichen Augenblick mit ihm erleben durfte!

    • Reply Thomas 3. Juli 2017 at 19:24

      Hallo Steffie,
      danke für deinen Besuch, ich habe Prince auch zwei (oder waren es drei?) Mal gesehen, ist aber schon ewig her. Wirklich ein einmaliges Erlebnis und wenn du einen persönlichen Augenblick mit ihm hattest ist das wirklich etwas ganz besonderes. Leider habe ich ihn Ende der 1990er / Anfang der 2000er-Jahre etwas aus den Augen verloren. Dass ich damals keine Karten für die „One Nite alone“-Tour gekauft habe ärgert mich heute noch. Ich hoffe, zumindest das CD-Set dazu ist irgendwann wieder zu normalen Preisen erhältlich.
      Liebe Grüße
      Thomas

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