Rezension

Owen Sheers – I saw a man

„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte.“ (Erster Satz des Romans)

Das Buch beginnt wie ein klassischer Thriller mit einem Protagonisten, der die Tür des Nachbarhauses halb offen stehend vorfindet und vorsichtig das Haus betritt um herauszufinden, ob hier vielleicht Einbrecher am Werke sind. Der Roman erfüllt die Erwartung an einen Thriller zwar nicht, dennoch ist er unheimlich spannend zu lesen.

Der Schriftsteller Michael Turner trifft eines Tages die große Liebe seines Lebens. Caroline ist Journalistin und hauptsächlich in den Krisengebieten der Welt unterwegs. Mit ihrem plötzlichen Tod bei einem Auslandseinsatz in Pakistan bricht für Michael eine Welt zusammen. Er verkauft das gemeinsame Haus in Wales und zieht in eine kleine Wohnung in London. Hier freundet er sich überraschend schnell mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft lebenden Ehepaar Josh und Samantha Nelson und deren beiden Töchtern an. Josh ist Banker bei Lehman Brothers, seine Ehefrau Samantha kümmert sich um den Haushalt, obwohl sie in ihrer Jugend eigentlich künstlerische Ambitionen hatte. Der leicht kriselnden Beziehung scheint die unkomplizierte Freundschaft zu Michael gut zu tun.

Im ersten Drittel des Romans wird anhand von Rückblenden hauptsächlich die Vorgeschichte von Martin und Caroline erzählt und wie Michael die Nelsons kennenlernt. Später lernen wir noch David kennen, der zwar tausende von Kilometern entfernt auf einem Luftwaffenstützpunkt in Nevada seine Arbeit verrichtet, mit dem Schicksal von Michael und seinen neuen Freunden aber auf engste verbunden ist.

Owen Sheers beschreibt meisterhaft wie eine einzige Entscheidung eines Menschen das Leben vieler, auch scheinbar unbeteiligter Personen, beeinflussen kann. Sein Buch behandelt die Themen Freundschaft und Liebe und geht der Frage nach, wie man mit Schuld und Verantwortung umgehen kann.

Bis Michael seinen Gang durch das Haus der Nelsons beendet hat und das Geheimnis um das im Eingangssatz erwähnte schicksalhafte Ereignis stattfindet braucht das Buch einige Zeit. Michaels Gang durch das Haus wird immer wieder von Rückblenden unterbrochen, diese Cliffhanger steigern die Spannung des Buches ungemein.

Auch wenn hier kein mysteriöser Todesfall aufzuklären ist und kein psychopathischer Mörder sein Unwesen treibt, Owen Sheers zeigt in seinem Roman gekonnt wie scheinbar unspektakuläre Ereignisse den Alltag der Menschen in die Katastrophe stürzen und erinnert mich dabei ungemein an meine Lieblingsschriftstellerin Patricia Highsmith. Die von ihr zur Perfektion gebrachte „Suspense“-Stimmung kommt auch in „I saw a man“ unweigerlich auf und auch ohne „Verbrechen“ im klassischen Sinne wird eine bedrohliche, spannende Atmosphäre erzeugt.

Von mir daher eine klare Leseempfehlung für diesen tollen Roman.

Owen Sheers: I saw a man, Roman, gebunden, Deutsche Verlagsanstalt, aus dem Englischen übersetzt von Thomas Mohr, ISBN: 9783421046697, EUR 19,99, Link zur Verlagsseite

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7 Comments

  • Reply DieLeserin 24. August 2016 at 21:55

    Das Buch liegt leider noch ungelesen hier. Neugierig auf das Buch bin ich geworden, weil ich überhaupt nicht einschätzen kann, was mich erwartet. 🙂 Und auch die Stimmen zum Buch sind so herrlich breitgestreut.

    Bin schon sehr gespannt auf die Lektüre und danke dir für diese gelungene Besprechung!

    • Reply Thomas 25. August 2016 at 21:38

      Ja, er lässt sich auch wirklich nicht unbedingt einem Genre zuordnen, mir hat er sehr gut gefallen. Bei diesem Roman ist es etwas schwierig eine Rezension zu schreiben, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Bin auf deine Meinung dazu gespannt. Danke für das Feedback 😉

  • Reply Rena 16. September 2016 at 21:27

    Hallo Thomas,
    deine Rezension zu „I saw a man“ gefällt mir wirklich gut, ich fand es auch recht schwer darüber zu schreiben ohne zu viel zu verraten. (Leider ist das nicht jedem gelungen und ich habe das ein oder andere mal Dinge gelesen, die man vorher gar nicht lesen möchte.) Bei mir hatte es allerdings das Hörbuch in den Player geschafft, das hat mit diesem tollen Sprecher noch mal eine ganz andere „schärfe“.

    Viele liebe Grüße,
    Rena

  • Reply Thomas 17. September 2016 at 11:13

    Hallo Rena,
    das mag ich ja auch gar nicht, wenn Leute zuviel vom Inhalt, oder gar den Plot erzählen. Kommt leider immer wieder vor, besonders ärgerlich finde ich das, wenn das den Kritikerprofis im Fernsehen passiert. Daher lese ich meistens von Büchern, die ich noch nicht kenne nur das Fazit am Ende und lese den Rest erst, wenn ich das Buch selber auch gelesen habe.
    Mit Hörbüchern sollte ich mich auch mal beschäftigen, da bekommt man vielleicht noch das eine oder andere Buch geschafft, das einem beim Lesen zu lange aufgehalten hätte.
    Liebe Grüße
    Thomas

  • Reply Rena 18. September 2016 at 18:37

    Thomas, das halte ich tatsächlich ganz genau so. Ich lese maximal das Fazit, habe ich meine Rezension aber fertig, dann ziehe ich meine Runde und verschlinge die Meinungen anderer…

  • Reply Kasin 18. September 2016 at 19:17

    Eine sehr schöne Rezension und ein Buch das mich sehr neugierig macht. Es muss ja nicht immer Thrill sein. Oft lese ich gerne solch hintergründige Geschichten die mehr verbergen als offenlegen und zwischen den Zeilen die Geheimnisse preisgeben.
    „I saw a man“ wandert definitiv auf meine Liste der Wunschbücher. Hätte ich wahrscheinlich nie im Laden beachtet. Jetzt weiß ich ja in etwa was mich erwartet und doch auch nicht. Das mag ich an guten Rezensionen.
    Liebe Grüße, ich gehe mal weiterstöbern 🙂
    Kasin

    • Reply Thomas 19. September 2016 at 20:05

      Hallo Kasin,
      dann hoffe ich, dass dir das Buch gefällt. Ich selber habe es auch auf einem anderen Blog entdeckt (ich glaube, es war auf dem Blog vom Kaffeehaussitzer http://kaffeehaussitzer.de/owen-sheers-i-saw-a-man/) und es scheint durchaus auch gegenteilige Meinungen zu geben.
      Liebe Grüße
      Thomas

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