Rezension

Patricia Highsmith – Leute, die an die Tür klopfen

In dem Roman aus dem Jahre 1983 zeigt uns Patricia Highsmith wohin religiöser Fanatismus führen kann und zeichnet ein Portrait des Lebens in der amerikanischen Provinz, das im Rahmen der Berichterstattung zu den Wählern Donald Trumps erschreckend aktuell erscheint.

Inhalt

Der siebzehnjährige Arthur Alderman lebt mit seinen Eltern und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Vater arbeitet als Versicherungsagent, die Mutter gibt die perfekte Hausfrau – eine typische amerikanische Durchschnittsfamilie. Eines Tages erkrankt Arthurs jüngerer Bruder Robbie schwer und er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo die Ärzte den besorgten Eltern nicht viel Hoffnung machen. Als Robbie dann doch wieder gesund wird, glaubt Arthurs Vater an ein Wunder. Er verfällt in eine Art religösen Wahn und steckt fortan alle Energie in die Arbeit in einer christliche Sekte.

„Und so ging dieser Sonntag in Arthurs Gedächtnis als der Tag ein, an dem sein Vater Gott fand – an dem er ‚wiedergeboren wurde‘, wie sein Vater ausdrückte.“ (Seite 37)

Arthurs Mutter tut die religiösen Interessen ihres Mannes anfangs als Hobby ab, Arthur selber ist von den im ganzen Haus verteilten religiösen Broschüren entsetzt:

„Du solltest diese Zeitschriften sehen, Grandma“, sagte Arthur. „Die sind gegen alles, gegen Liberalismus, gegen Abtreibungen, gegen Frauenrechte – auch gegen Katholiken und Juden, obwohl sie sich nicht trauen, das offen zu sagen.“

Als Arthurs Freundin Maggie schwanger wird, kommt es zur offenen Konfrontation. Arthur und Maggie sind zunächst ratlos, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Für Arthurs Vater und seine Bekannten aus dem Kreis der christlichen Fundamentalisten ist eine Abtreibung eine Todsünde. Arthur, seine Freundin und ihre Eltern werden mit Gesprächen und Telefonanrufen terrorisiert um sie „auf den rechten Weg zurück zu führen“. Maggies Familie hat eine grundsätzlich andere Einstellung zu diesem Thema, diese steht mit ihrer liberalen Meinung im krassen Widerspruch zu Arthurs Vater. Arthur selber verhält sich für einen siebzehnjährigen schon fast zu vorbildhaft, wenn er immer wieder betont, dass die Entscheidung im Wesentlichen bei Maggie liegt. Als Arthurs Vater merkt, dass seine Bemühungen nicht zum Erfolg führen, verweist er seinen Sohn aus dem Haus und streicht ihm auch die finanziellen Mittel, die er zum Besuch eines guten Colleges dringend benötigen würde. So muss sich Arthur zunächst damit zufrieden geben, das örtliche College zu besuchen und darauf zu hoffen, dass sich die Wogen im Hause Alderman bald wieder glätten. Die scheinheilige Doppelmoral von Arhurs Vater führt zu einem überraschenden Ende des Buches.

Meine Meinung

Der Roman aus dem Spätwerk der Autorin wirkt zunächst etwas ungewöhnlich im Vergleich zu ihren früheren Werken. Ist die unterschwellige, bedrohliche Stimmung, die viele ihrer Romane auszeichnet, oft schon von den ersten Seiten an spürbar, kommt diese in diesem Roman erst sehr spät zum Tragen. Da die Autorin den Schwerpunkt der Erzählung auf die Erlebnisse Arthur Aldermans lenkt, liest sich der Roman über weite Strecken wie ein Entwicklungsroman. Die thrillerhaften Elemente tauchen erst im letzten Teil des Romans auf und auch hier zeigt sich die Autorin wieder als Meisterin der literarischen Stilmittel, in dem sie die eigentliche Tat gar nicht beschreibt, sondern nur deren Auswirkungen. Sie weiß genau, die Phantasie des Lesers kann manchmal grausamer sein, als eine explizite Beschreibung.

Das Buch spiegelt recht offensichtlich Patricia Highsmith‘ Meinung zu einem großen Teil der amerikanischen Gesellschaft, insbesondere zu den konservativen Einwohnern des mittleren Westens wider. In der fehlenden Toleranz und Engstirnigkeit dieser Menschen sieht sie ein großes gesellschaftliches Problem, man kann davon ausgehen, dass es gerade diese Sorte Menschen war, die auch im Leben der Autorin immer wieder für Konflikte sorgten. Das Nachwort von Paul Ingendaay gibt hier aufschlussreiche Einblicke in die Recherchearbeit der Autorin, wozu sie seinerzeit in die Stadt Bloomington (Indiana) gereist ist, die als Vorbild zur fiktiven Stadt Chalmerston im Roman dient:

„Aber die tiefe Langeweile von alldem! …Der Mangel an Vielfalt! Das ist ein hoher Preis für Sicherheit, Platz, körperliches Wohlbefinden. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass mein Leben in Europa interessant und abwechslungsreich ist, auch wenn es hart ist, teurer, einsamer (was es eigentlich gar nicht ist) als in dieser Stadt des Mittleren Westens.“ (Seite 504)

Und so ist dieser Roman dann auch unerwartet aktuell, denn die zur Entstehungszeit des Romans vorherrschende Stimmung in Amerika dürfte der heutigen nicht unähnlich sein. Nach dem Wahlsieg von Ronald Reagan setzten sich mehr und mehr wieder konservative Ideen im Land durch, liberale Gedanken wurden zurückgedrängt, finanzielle Mittel für Bildung und Umwelt drastisch gekürzt, die Militärausgaben erhöht. Auch der in Amerika traditionelle Kampf zwischen Gegnern und Befürwortern von Abtreibungen erreichte einen neuen Höhepunkt.

Was darüber hinaus an diesem Roman auffällt, ist die deutlich positive Darstellung fast aller weiblichen Charaktere. Der psychopathische Vater und der ebenfalls wenig sympathische jüngere Bruder bekommen hier ein ganzes Ensemble an vernünftigen, empathischen Frauenfiguren gegenübergestellt. Das reicht von der fürsorglichen Großmutter über die freundliche Nachbarin und der liberalen Mutter Maggies bis zur Bibliothekarin, die immer an Arthur glaubt. Die Männer kommen in diesem Roman, bis auf wenige Ausnahmen, nicht gut weg.

Fazit

Eher ein coming-of-age-Roman als ein Psychodrama, dennoch unverkennbar ein typischer Highsmith-Roman, der den Leser durch die beschriebenen Konflikte in seinen Bann zieht. Die Beschreibung, wie Arthur Alderman erwachsen wird und die Einblicke in das Leben in der amerikanischen Provinz haben mir sehr gut gefallen. Für einen siebzehnjährigen verhält sich der Protagonist manchmal zwar schon etwas zu vernünftig, aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen in diesem ansonsten sehr empfehlenswerten Roman aus dem Spätwerk der großen Autorin.

Highsmith-Fans werden früher oder später vermutlich ohnehin zu diesem Buch greifen. Für Einsteiger in das Werk der Autorin würde ich dennoch zunächst andere Bücher empfehlen. Neben den grandiosen Ripley-Romanen kann ich guten Gewissens zu Der Schrei der Eule oder Tiefe Wasser raten, auch ihr Debutroman Zwei Fremde im Zug (verfilmt von Alfred Hitchcock) eignet sich als Einstieg sehr gut.

Patricia Highsmith: Leute, die an die Tür klopfen (Original: People, who knock on the door) Roman, aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié, Diogenes-Verlag, 528 Seiten, Hardcover (auch als Taschenbuch erhältlich), ISBN: 9783257064193, EUR 22,90 (Taschenbuch EUR 11,90), Link zur Verlagsseite

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2 Comments

  • Reply Katja 22. Juni 2017 at 23:34

    Das wandert – nebst anderer Highsmith-Werke – mal auf meiner Wunschliste. Nachdem ich nun schon länger still mitlese, sei hiermit gesagt: Danke für den tollen Blog, ich finde immer wieder die ein oder andere Anregung!

  • Reply Thomas 25. Juni 2017 at 09:23

    Hallo Katja,
    vielen Dank, ich hoffe, dass ich jetzt auch wieder mehr Beiträge einstellen kann – ich musste aufgrund Sehnenscheidenentzündung eine kleine Zwangspause einlegen. Ich hoffe, Patricia Highsmith gefällt dir, im September wird es einen (evtl. auch mehrere) längere Artikel zu dieser Autorin geben.
    Viele Grüße
    Thomas

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