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Rezension zu „Dracula“ von Bram Stoker

Ein bissiger Klassiker und die Geburtsstunde eines
Mythos  

Titel: Dracula Roman
Autoren/Herausgeber: Bram Stoker, Andreas Nohl (Hrsg.)
Übersetzer: Andreas Nohl
ISBN/EAN: 9783423142991
Originaltitel: Dracula, London 1897
Seitenzahl: 592
Format: 19,1 x 12 cm
Produktform: Taschenbuch/Softcover
Sprache: Deutsch
Meine Wertung: 4/5 Sternen 

Cover der Erstausgabe (Quelle: wikipedia)
In dem 1897 erschienen Roman des irischen Schriftstellers
Bram Stoker führt der Autor die damals schon zahlreichen Geschichten und
Überlieferungen zum Thema Vampire zusammen und schafft so einen Mythos, der wie
kaum ein anderer in fast allen (zumindest den westlichen) Kulturen bis heute
einem großen Publikum bekannt ist. Geschickt verbindet  Stoker das damals so beliebte Genre des

Schauerromans mit den nicht minder populären Liebes- und Abenteuerromanen.

Bram Stoker (Quelle: wikipedia)

Zur Handlung:
Der junge Londoner Rechtsanwalt Jonathan Harker reist im
Auftrag seines Arbeitgebers nach Siebenbürgen, wo er den Grafen Dracula in
seinem Schloss zu einem Immobilienkauf in England und seinem Umzug dorthin
beraten soll.  Schon bei der Anreise
beschleicht ihn ein unheimliches Gefühl, da die Einheimischen den jungen
Engländer für verrückt halten, alleine zur Burg des Grafen zu reisen.  Bei seiner Ankunft stellt er jedoch fest,
dass er von dem aristokratisch wirkenden 
Schlossherrn freundlich empfangen wird. 
„Willkommen in meinem Haus! Treten Sie ein, ungehindert und
aus freien Stücken!“
  (Seite 31)
Erst nach einigen Tagen fallen ihm einige Besonderheiten
auf. Der Graf hat kein Spiegelbild, scheint nie etwas zu essen und ist tagsüber
nicht anzutreffen. Darüber hinaus ist ihm der Zutritt zu einem Großteil des
Schlosses verboten. Als er eines Tages doch in einem ihm verbotenen Teil des
Schlosses einschläft  wird er von drei
hübschen Frauen gefunden, die wie der Graf auffallend lange und spitze Eckzähne
haben. Kurz bevor sie ihn beißen können, werden sie vom Schlossherrn
vertrieben. Harker hat von nun an Todesangst und versucht vom Schloss zu
fliehen. 
Kurz darauf wechselt der Handlungsort und der Leser erfährt
von einem geheimnisvollen Schiff, welches unter mysteriösen Umständen in den
Hafen von Whitby (Yorkshire, England) einläuft. Das Schiff scheint bis auf den
toten, an das Steuerrad festgebundenen, Kapitän völlig verlassen. Die Ladung
des Schiffes besteht im Wesentlichen aus zahlreichen, mit Erde gefüllten,
riesigen Kisten.
Man ahnt, Dracula hat englischen Boden betreten. 
Der Leser lernt die weiteren Personen des Romans kennen.
„Mina“ Murray, die Verlobte Harkers besucht ihre Freundin Lucy Westenra in
Whitby, welche an einer merkwürdigen Krankheit zu leiden scheint.  Sie bemerkt seltsame Male an Lucys Hals.
Auch ein befreundetet Arzt, Dr. John Seward,  kann Lucy nicht wirklich helfen.  Seward ist Leiter einer Irrenanstalt, welche
zufällig unmittelbar an das von Graf Dracula erworbene Grundstück grenzt. Er
bittet seinen ehemaligen Lehrer Professor Abraham van Helsing um Hilfe.
Van Helsing scheint die Zeichen zu erkennen, lässt seine
Umgebung aber lange im Unklaren. Gemeinsam mit ein paar Freunden versuchen die
Protagonisten Lucy zu retten und den Grafen unschädlich zu machen. Es beginnt
eine abenteuerliche Jagd durch England und halb Europa. 
Das bereits aus anderen Romanen seiner Zeit bekannte
Stilmittel der Wiedergabe von Tagebucheinträgen oder Briefen wird von Stoker
hier konsequent auf den gesamten Roman angewendet. Es gibt keinen allwissenden Erzähler,
der Leser erfährt die Handlung aus der Wiedergabe von Briefen,
Tagebucheinträgen, Phonographaufzeichnungen, Zeitungsauschnitten etc.
Hierdurch ist es dem Autor sehr gut möglich, die Handlung
aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen und bewusst an den
spannenden Stellen „Cliffhanger“ zu setzen. 
Meine erste Lektüre des Romans liegt knapp dreißig Jahre
zurück und beim jetzigen Lesen der Neuübersetzung gefällt er mir immer noch
sehr gut. Der formale Aufbau hatte mich bei Erstlektüre etwas gestört, was
jedoch daran liegen kann, dass man in der Jugend noch nicht so viel
Leseerfahrung gesammelt hat.   Andererseits kann das auch an der guten
Neuübersetzung von Andreas Nohl liegen. 
Der Roman liest sich überaus spannend, ein echter
„Page-Turner“. Die altertümlichen Moralvorstellungen und das sehr antiquierte
Frauenbild (wer wird als erste vom Vampir gebissen? – natürlich die etwas
lebenslustigere, selbstbewusstere Lucy, welche an einem Tag drei  Heiratsanträge erhalten hat), sind der Entstehungszeit
geschuldet.  
Alles in allem aber eine 
große Leseempfehlung für diesen Roman.  Braucht man danach noch mehr Vampir-Romane?
Das möge jeder Leser selber entscheiden. 
Bei der Suche nach Hintergrundinformationen zu diesem Buch
bin ich auf diverse Deutungsansätze der Handlung gestoßen: „Darüber hinaus
verfügt das Motiv des Vampirismus aber auch über eine ungewöhnliche
Elastizität, die es erlaubt, im Motiv des Vampirismus staatliche Unterdrückung,
aristokratische Ausbeutung, stalinistische Bürokratie oder jesuitischen
Gesinnungsterror zu gestalten.“ (Aus: Harenberg. Das Buch der  1000 Bücher)
Ob Stoker dies wirklich beabsichtigt hat? 
Zwei Dinge haben mich an der dtv-Ausgabe gestört. Erstens
ist die Neuübersetzung nicht als ebook erhältlich. Da ich bereits eine ältere
Ausgabe im Regal habe, hätte mir hier die ebook-Version gereicht. Warum der
dtv-Verlag hier offensichtlich nur die Printrechte erworben hat ist mir in der
heutigen Zeit völlig unverständlich.
Des Weiteren hat mich gestört, dass die zahlreichen
Anmerkungen im Anhang des Romans, im Text selber nicht kenntlich gemacht sind.
Man muss also „auf gut Glück“ blättern, ob zu bestimmten Passagen Anmerkungen
vorhanden sind. Das war ich von anderen Klassikern (Fischer, Hanser) bisher
anders gewohnt. Der potentielle Leser kann daher auch die andere Neuübersetzung
aus dem Reclam-Verlag in Erwägung ziehen. 
Der Stoff hat zahlreiche Autoren und Filmemacher zu eigenen
Werken inspiriert, welche für sich genommen wiederum stilprägend für ihr Genre
waren. Beispielsweise:
Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, ein Stummfilm des
deutschen Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922.
Interview mit einem Vampir – Roman von Anne Rice
Tanz der Vampire – sehr empfehlenswerte Horrorkomödie aus
dem Jahre 1967 von Roman Polanski  

    
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