Rezension

Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame

  „Ich habe in diesen Tagen… –Notre-Dame de Paris- gelesen und nicht
geringe Geduld gebraucht, um die Qualen auszustehen, die diese Lektüre
mir gemacht hat. Es ist das abscheulichste Buch, das je geschrieben
worden!…“ . So urteilte Johann Wolfgang von Goethe im Juni 1831 über
Hugos Roman.

Auch wenn ich Goethes Meinung nicht teile, muss ich
zugeben, dass man –zumindest in der ungekürzten Version- stellenweise
Geduld braucht, um in den Genuss dieses Romans zu kommen.
Der
Kern der Handlung dürfte den meisten bekannt sein: Die tragische
Liebesgeschichte des buckligen Quaismodo zur Zigeunerin Esmeralda, die
durch eine Intrige des ebenfalls in sie verliebten Domprobst Claude
Frollo zum Tode verurteilt wird.
Auf diese Geschichte
beschränken sich auch die zahlreichen Adaptionen für Film und Fernsehen
und wer den Disney-Film kennt, wird hier wohl ziemlich geschockt über die
literarische Vorlage sein.
Der Originaltitel „Notre-Dame de
Paris“ verrät bereits, dass es Hugo hier nicht allein um die Erzählung
einer Liebesgeschichte geht. Vielmehr ist es für ihn eine
Liebeserklärung an das Paris und die Kirche Notre-Dame im Jahre 1482.
Mit
sehr viel Empathie und Liebe zum Detail beschreibt Hugo das Paris im
damals wirklich „finsteren“ Mittelalter. Man merkt, dass er intensiv
über die damalige Architektur und Lebensverhältnisse in Paris
recherchiert hat. Sehr interessant waren hierbei die Befürchtungen zu
lesen, dass die seinerzeit aufkommende Buchdruckkunst die Kunst der
Architektur zerstören könnte.
Diese Detailverliebtheit mag wohl
auch der größte Kritikpunkt sein. Ganze Kapitel, die sich mehr oder
weniger wie ein historischer Stadtplan von Paris lesen, erfordern ein
gewisses Durchhaltevermögen. Dazu kommen noch 354(!) Fußnoten, von denen
eine Vielzahl eine Übersetzung von lateinischen Zitaten ist, die für
mich nicht zur Geschichte beitragen.

Dafür wird man jedoch auch mit viel Humor und Gesellschaftskritik an
den feudalen Strukturen im Mittelalter belohnt. Hier schafft es Hugo
wirklich stellenweise meisterhaft die aberwitzigen Auswüchse dieses
Systems ad absurdum zu führen. Höhepunkt hier für mich die Beschreibung
der Gerichtsverhandlung, in der der taube Richter über den ebenfalls
tauben Quasimodo zu urteilen hat. Das ist Satire vom Feinsten.
Alles in allem ein heute noch aktueller Klasssiker, den ich (trotzdem) mit Genuss gelesen habe.
Ganz so viel Spaß wie bei Dickens und Balzac hatte ich dann aber doch nicht, daher „nur“ vier Sterne.

Die Rezension bezieht sich auf die Taschenbuchausgabe von
Fischer-Klassik, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hugo
Meier (Lizenzausgabe des Manesse-Verlages).
Sehr lobenswert hier
wieder die zusätzlichen Informationen (Anmerkungen, Daten zu Leben und
Werk Victor Hugos, Auszug aus Kindlers Literatur-Lexikon zum Roman).

GlC3B6ckner-groC39FGelesene Ausgabe:
Fischer Taschenbuch
Titel: Der Glöcker von Notre-Dame
Autoren/Herausgeber: Victor Hugo
Übersetzer Hugo Meier
Aus der Reihe: Fischer Klassik
ISBN/EAN:  9783596903979
Origininaltitel: Notre Dame de Paris
Seitenzahl: 688
Taschenbuch/ Softcover

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2 Comments

  • Reply Andrea 3. Dezember 2016 at 21:18

    Hallo 🙂
    Sehr gute Rezension und schöner Blog! Ich bin durch das #litnetzwerk darauf gestoßen.
    Ich habe diese Geschichte ja komplett aus den Augen verloren, was eigentlich schade ist. Mir gefällt die Geschichte nämlich sehr.
    Das Buch landet gleich mal auf meiner Wunschliste 🙂

    Liebe Grüße
    Andrea 🙂

    • Reply Thomas 5. Dezember 2016 at 19:30

      Hallo Andrea,
      lieben Dank für deine Worte 😉 Wie beschrieben hat das Buch einige Längen, das ist vermutlich das einzige Buch, bei dem ich tatsächlich den Kauf einer gekürzten Ausgabe in Erwägung ziehen würde. In unser damaligen Leserunde bei Lovelybooks hatten einige eine Ausgabe, bei der die unendlich langweiligen Stadtbeschreibungen nicht enthalten waren.
      Liebe Grüße
      Thomas

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