Rezension

Ryan Gattis – In den Strassen die Wut

17 Berichte aus der Kampfzone – erschreckend aktuell

3. März 1991: Nach einer Autoverfolgungsjagd wird der alkoholisierte Afroamerikaner Rodney King von Polizisten gestellt und widersetzte sich der Festnahme. Daraufhin setzten die Polizisten des Los Angeles Police Department Schlagstöcke ein und schlagen über 50 Mal auf King ein. Selbst als dieser bereits hilflos am Boden lag, hörten sie damit nicht auf. Ein Augenzeuge filmte den Vorgang aus einer nahegelegenen Wohnung und die anschließende massenhafte Ausstrahlung des Videos in den amerikanischen Fernsehsendern löste eine Diskussion über rassistisch motivierte Gewalt bei der amerikanischen Polizei aus.

29. April 1992: Die vier der Misshandlung beschuldigten Polizisten werden von einem Gericht freigesprochen. Die daraus resultierende Empörung führt zu einem Gewaltausbruch mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, an deren Ende 52 Todesfälle und Tausende Verletzte zu beklagen sind. Es entstand ein Sachschaden von etwa einer Milliarde US-Dollar.

Dies sind die Fakten, doch was es für die einzelnen Bürger dieser Stadt bedeutet in diesem Hexenkessel zu leben, beschreibt der amerikanische Autor Ryan Gattis meisterhaft in seinen Roman. Gattis, selber Bürger von Los Angeles, der die umkämpften Gebiete aus seiner Zeit als Graffiti-Künstler sehr gut kennt, wollte die Geschichte hinter den abstrakten Zahlen erzählen.

„…52 Tote. Diese letzte Zahl erschien mir immer viel zu niedrig. Bis ich herausfand, dass Todesfälle in Gegenden, in die sich die Polizei damals nicht wagte, gar nicht in die Statistik eingeflossen waren.“ (Ryan Gattis in seinem Vorwort)

Der Autor erzählt die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge, beginnend am 29.04.1992 und endend mit der Niederschlagung der Unruhen durch Armee und Nationalgarde sechs Tage später anhand der Einzelschicksale von siebzehn Bürgern aus Los Angeles. Aus der Ich-Perspektive nimmt der Leser unmittelbar an den nacheinander erzählten Erlebnissen unterschiedlichster Personen teil, deren Schicksale manchmal zwar locker miteinander verbunden sind, die aber nicht immer in direktem Zusammenhang stehen.

Das Buch beginnt mit der Erzählung von Ernesto Vera einem Einwohner von Lynwood, einem Stadtteil von Los Angeles. Ernesto ist, im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Bruder, nicht „All involved“, also kein Mitglied einer Gang, die Großteile der Stadt beherrschen und unter sich aufgeteilt haben. Er versucht sich mit einem Job in einem Imbiss über Wasser zu halten und hat, wie viele andere Bewohner seines Viertels, noch Träume von einem besseren Leben.

„Als ich um die Ecke in meine Straße biege, überlege ich gerade wieder, wie zur Hölle ein japanischer Koch wohl darauf kommt, die California Roll zu erfinden , und meine Gedanken kreisen darum, dass sogar aus Avocado was Neues und Schönes entstehen kann, wenn man sie in eine andere Umgebung stellt, und in dem Moment grummelt ein Automotor hinter mir.“ (Seite 17)

Anhand Ernestos tragischem Schicksal wird einem schnell klar, dass man sich in einer Stadt wie Los Angeles kaum neutral verhalten kann. Irgendwie ist jeder mit einem Gangmitglied verwandt oder hat Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen, die dazugehören. Ernesto wird Opfer eines Rachefeldzugs einer Gang und seine bis zum bitteren Ende geführte Erzählung bringt den Leser näher an das Geschehen, als so mancher aushalten kann.

„Es gibt keine Regeln mehr. Keine. Nicht in dieser Lage, bei diesen Ausschreitungen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken als mir klar wird, dass jeder verdammte Bulle der Stadt anderweitig beschäftigt ist, und das bedeutet, die Jagdsaison ist eröffnet auf jeden Scheißidioten, der jemals mit irgendwas davongekommen ist.“ (Seite 31)

Ernestos Tod führt zu einem Rachefeldzug seiner Schwester Lupe, der wiederum Gegengewalt auslöst.Aber nicht nur die Gangmitglieder erzählen ihre Sicht auf die Erlebnisse, auch eine Krankenschwester, ein Feuerwehrmann und ein Mitglied einer Polizei-Spezial-Einheit kommen zu Wort. So wird der Leser Teil des Geschehens in einer Stadt, die schon vor den Unruhen zu den gefährlichsten Orten der USA zählte, wie man auch aus der Erzählung des Feuerwehrmanns erfährt:

„Die SEALs lassen ihre Sanitäter schon seit Jahren Praktika bei uns machen, weil die Marine anscheinend meint, hier könnten sie am effektivsten alles über Kriegsverletzungen lernen: stumpfe Gewalteinwirkung, Schusswunden, Stichwunden, Explosionstrauma – davon gibt es in L.A. mehr als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten.“ (Seite 225)

Auf dem Cover des Romans steht zwar „Thriller“, allerdings hat das Buch in meinen Augen sehr viel mehr Gemeinsamkeiten mit einer Reportage oder Dokumentation. Die Einzelschicksale der einzelnen Personen sind zwar locker verbunden, einen richtigen Plot findet man jedoch nicht. Ich empfehle den Roman daher dringend auch Lesern, die normalerweise keine Krimis oder Thriller lesen. Wie im Klappentext nachzulesen beschreibt Gattis selber seine Erzählform als „sourced fiction“, eine „erfundene Handlung, authentisch durch das Maß an intensiv recherchierter Information“.

Ein Buch, das einem die dunkle Seite Amerikas zeigt und einen nach „Die Geschichte der Baltimores“ wieder auf den Boden der Tatsachen holt, denn den so oft gepriesenen amerikanischen Traum werden wohl nur die wenigsten leben können.

  „  „Das Land der Freien“, sagt sie, „aber nur, wenn man seinen verfickten Beitrag zahlt.“ „ (Seite 479)

Am Ende ist der Leser „All Involved“, so der Originaltitel des Romans, und den Ereignissen näher gekommen als ihm vielleicht lieb ist.

HBO hat sich bereits die Verfilmungsrechte gesichert und möchte aus dem Stoff eine Fernsehserie machen.

Die aktuelle Nachrichtenlage macht auf traurige Weise klar, dass sich an den grundlegenden Problemen in der amerikanischen Bevölkerung nicht viel geändert hat.

 „Die Leute denken sicher, was mit Rodney King passiert ist, war ein Einzelfall, doch sie wissen nicht, dass jeder hier einen Rodney King in der Nachbarschaft hat, jemanden, den die Cops windelweich geprügelt haben, aus gutem oder schlechtem Grund. Und vielleicht ist er auch nicht schwarz. Vielleicht hat er braune Haut.“ (Seite 494)

Ein sehr intensives Buch, das den Leser nachdenklich zurücklässt. Eines meiner Jahreshighlights und sehr zu empfehlen.

Ryan Gattis: In den Strassen die Wut, Originaltitel: All Involved, aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingo Herzke, Erscheinungsdatum 22.01.2016, Rowohlt Verlag, Paperback, 528 Seiten, ISBN 9783499270406, EUR 16,99, Link zur Verlagsseite

Pressestimmen: Rezension in Spiegel-online

Wikipedia-Artikel über die Los-Angeles-Riots 1992

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1 Comment

  • Reply 5 Buchempfehlungen von Bloggern für einen verregneten Herbsttag 15. Oktober 2016 at 13:02

    […] Thriller wird dir empfohlen von Thomas vom Blog Tommi und die […]

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