Rezension

Stephen King – Wolfsmond

Dies ist der fünfte Band aus Stephen Kings ursprünglich aus sieben Teilen bestehenden Zyklus um den dunklen Turm. Der Revolvermann Roland und sein „Ka-Tet“ (Schicksalsgemeinschaft), bestehend aus Eddie, Susannah, Jake und dem Billy-Bumbler „Oy“ ziehen auf dem Pfad des Balkens weiter in Richtung des dunklen Turms. Auf ihrem Weg treffen sie auf die Einwohner von Calla Bryn Sturgis, welche die Revolvermänner um Hilfe bitten.

„Inzwischen war in der Versammlungshalle ein Flüstern aufgekommen. Es flog von Mund zu Mund durch die Bankreihen, eine Brise aus Hoffnung und Angst. Revolvermänner, Revolvermänner im Westen, aus Mittwelt gekommen. Und es stimmte, Gott helfe ihnen. Arthur Elds letzte tödliche Nachkommen, die sich entlang dem Pfad des Balkens auf Calla Bryn Sturgis zubewegten. Ka wie ein Wind.“

In der Calla werden schon immer überdurchschnittlich viele Zwillinge geboren. Einmal in jeder Generation wird das Dorf von sogenannten „Wölfen“, Reitern auf grauen Pferden mit Wolfsmasken, überfallen, die jeweils eines der Zwillingskinder mitnehmen. Diese werden nach einiger Zeit wieder in das Dorf zurückgeschickt, sind jedoch fast sämtlicher geistigen Fähigkeiten beraubt. Zum Zeitpunkt der Ankunft von Roland und seinen Freunden erfahren die Dorfbewohner, dass der nächste Überfall der Wölfe im nächsten Monat stattfinden wird. Ein Großteil des Romans schildert auf dieser Handlungsebene wie sich Roland und seine Freunde mit den Bewohnern von Calla Bryn Sturgis vertraut machen sowie die Vorbereitungen auf den Kampf gegen die Wölfe.

Doch wie der Leser der vorigen Romane bereits erfahren konnte, verläuft die Geschichte des Turms parallel auf mehreren Handlungs- und Zeitebenen und mit Fortschreiten der Geschichte wird klar warum es dem Autor in den Jahren der Entstehung der Geschichte immer schwerer gefallen ist zu Roland und seiner Geschichte zurückzukehren und die verschiedenen Handlungsfäden wieder aufzunehmen.

Im vorliegenden Band gewinnen auch die Vorgänge im New York des Jahres 1977 vermehrt an Bedeutung. Calvin Tower (!) ist dort Eigentümer der Buchhandlung „Manhattaner Restaurant für geistige Nahrung“ und er wird von einigen Mafia-Vertretern dazu aufgefordert ihnen das in seinem Besitz befindliche unbebaute Grundstück Ecke 46. Straße und 2. Avenue zu verkaufen. Der Leser der vorigen Romane weiss, dass hier eine geheimnisvolle Rose wächst, die Roland als mindestens ebenso wichtig wie den Turm ansieht. Ein Verkauf an die Mafiosi muss daher unter allen Umständen verhindert werden und Roland sucht eine Möglichkeit in diese Zeitebene zu gelangen.

„Mein Streben – das Streben meines Ka-Tet – gilt dem Dunklen Turm, Pere. Uns geht’s nicht darum, diese Welt oder auch nur dieses Universum zu retten, sondern alle Universen. Die gesamte Existenz.“ (Seite 633)

Erschwert wird das Ganze dadurch, dass Susannah erste Anzeichen einer Schwangerschaft zeigt, die vermutlich auf ihre sehr intensive Begegnung mit einem Dämon in einem der Vorgängerromane zurückzuführen ist. Ein neuer , beziehungsweise bisher verborgener Teil von Susannahs Persönlichkeit, eine Person namens Mia, übernimmt immer mehr die Gewalt über ihr Handeln.

In Wolfsmond erhält die Gemeinschaft um Roland auch einen neuen Gefährten. Father Donald Frank Callahan, King-Lesern aus dem Roman Brennen muss Salem bekannt, schließt sich den Freunden an. Auch seine umfangreiche Geschichte und wie es ihn nach dem Ende von Brennen muss Salem nach Calla Bryn Sturgis verschlagen hat, nimmt einigen Raum ein. In seinem Besitz befindet sich eine geheimnisvolle, sehr machtvolle Glaskugel…

Der Aufenthalt in der Calla und die Vorgeschichte von Donald Callahan werden sehr ausführlich beschrieben, was zwar etwas von der Spannung des Romans nimmt, jedoch dem Leser dadurch Personen und Orte der Handlung sehr nahe bringt. Ob es diese Längen gebraucht hätte, kann man vermutlich erst am Ende des Zyklus beurteilen. Die parallelen Handlungsstränge in der Calla und in New York gleichen das aber für mich mehr als aus.

Der Leser ist am Ende des Bandes, der übrigens wieder mit einem fiesen Cliffhanger endet, dem Geheimnis um den Turm nicht wirklich näher gekommen, dennoch kann man inzwischen vermuten, um was es Stephen King geht.

Sehr auffällig sind in diesem Roman die zahlreichen Reminiszenzen an viele bekannte Stoffe aus der Film- und Literaturgeschichte. Neben den bereits bekannten Anspielungen auf die Artus-Sage und einige Sergio-Leone-Filme trifft man hier auf zahlreiche weitere Verweise zu Filmen und Büchern. Der Hauptplot des Romans erinnert sehr stark an Die glorreichen Sieben (bzw. Die sieben Samurai – wie King selber im Nachwort schreibt). Bei der mit einem Dämonenkind schwangeren Susannah / Mia musste ich unwillkürlich an Rosemaries Baby denken (die dort vom Teufel persönlich geschwängerte Protagonistin wird von der Schauspielerin Mia Farrow gespielt). Im Roman tauchen auch Lichtschwerter und kleine, fliegende Explosivgeschosse auf, die Schnaatze (Modell „Harry Potter“ Serien-Nr. 465-11-AA –HPJKR) genannt werden. Und der Name Callahan ist  eine Hommage Kings an Harold Francis „Dirty Harry“ Callahan, die Figur die Clint Eastwood in fünf Spielfilmen verkörperte.

Ist das jetzt alles ein von King angerichteter Mix aus Lieblingszitaten à la Quentin Tarantino oder haben die zahlreichen Anspielungen auf einer weiteren Ebene noch eine weitere Bedeutung? Stephen King hängt die Erwartungen jedenfalls hoch, ich hoffe er erfüllt sie.

Alles in allem ein -trotz einiger Längen- spannend zu lesender Roman, der wieder ordentlich Spannung in die Suche nach dem Turm bringt.

Stephen King: Wolfsmond, Originaltitel: The Dark Tower 5: Wolves of the Calla, Heyne-Verlag, aus dem Amerikanischen übersetzt von Wulf Bergner, Taschenbuch, 960 Seiten, ISBN 9783453530232, EUR 11,99, Link zur Verlagsseite

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2 Comments

  • Reply Nicole Wagner 7. Oktober 2016 at 18:01

    Hallo Thomas,

    ich habe grade erst die Neuverfilmung von „Die glorreichen Sieben“ im Kino gesehen und musste dabei auch ständig an „Wolfsmond“ denken. King hat hier allerhand Themen zusammengetragen und eigentlich darf es einen nicht wundern, dass er sich mit der Vollendung des dunklen Turms Zeit gelassen hat. Obwohl es doch stellenweise recht zäh ist, hat es mich auf den nächsten Band neugierig gemacht.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Reply Thomas 7. Oktober 2016 at 19:33

      Hallo Nicole,
      ja, so ging es mir auch. Hatte ja auch eine längere Leseunterbrechung bei dem Roman. Jetzt bin ich aber schon ganz gespannt auf Susannah. Viel Zeit bleibt ja jetzt nicht mehr bis zum Jahresende 😉
      Liebe Grüße
      Thomas

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