On the road, Rezension

T.C. Boyle – Die Terranauten (Buch und Lesung)

Zwei Jahre. Vier Männer, vier Frauen. Nichts rein, nichts raus. 

Das ist das Motto unter dem das auf einem realen Vorbild basierende wissenschaftliche Experiment steht, um das es in dem neuesten Roman von T.C. Boyle geht.

Im Roman heißt das Unternehmen „Ecosphere 2“ in Anlehnung an das tatsächliche Vorbild „Biosphere 2“ und es soll dazu dienen herauszufinden, ob es möglich ist, ein von der Außenwelt unabhängiges, sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. Man wollte hier Handlungsmöglichkeiten untersuchen, um auf etwaige globale Katastrophen reagieren zu können. Auch die NASA hatte Interesse an dem Projekt, da sie sich hieraus Erkenntnisse zu einer eventuellen Besiedelung fremder Planeten versprach.

Das Langzeitexperiment ist im Roman auf eine Gesamtdauer von 100 Jahren angelegt, jeweils acht Personen (vier Männer, vier Frauen) sollen sich für jeweils zwei Jahre in das geschlossene System begeben. Was auf den ersten Blick wie eine überlange Big-Brother-Show aussieht ist bei näherer Betrachtung aber ein Vorhaben, das unglaublich viele Möglichkeiten des Scheiterns bereithält. In den künstlich angelegten Biotopen (Savanne, Ozean, tropischer Regenwald etc.) befinden sich mit den Expeditionsteilnehmern weit über 3000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten, welche nicht nur in einem vernünftigen Gleichgewicht gehalten werden müssen, sondern die auch die Ernährung der sogenannten „Terranauten“ und die Produktion des dringend benötigten Sauerstoffs sicherstellen müssen.

Innenansicht eines Teils von Biosphäre 2 (Foto: wikipedia)

Die erste Mission ist im Roman frühzeitig abgebrochen worden, da sich eine der Teilnehmerinnen verletzt hatte und das Testgelände daher verlassen musste, das Experiment galt somit als gescheitert. Die Handlung des Romans setzt kurz vor dem finalen Auswahlverfahren für die zweite Mission ein. Monate- bzw. jahrelang haben sich die einzelnen Wissenschaftler auf das Experiment vorbereitet, für die ehrgeizigen Teilnehmer steht daher sehr viel auf dem Spiel.

Boyle erzählt auch in diesem Roman die Geschichte wieder aus der Ich-Perspektive einzelner Personen. Er beschränkt sich hier aber auf drei zentrale Charaktere des Romans, aus deren Sicht die einzelnen Kapitel erzählt werden. Dawn Chapman ist die Vorzeige-Schönheit des Projektes und als Wissenschaftlerin für sämtliche Belange der Nutztiere in Ecosphere 2 zuständig. Ramsay Roothoorp ist für das Wassermanagement verantwortlich und darüber hinaus für die gesamte Kommunikation mit der Außenwelt zuständig. Über die dritte Person, Linda Ryu, erhält der Leser Einblick in die Vorkommnisse außerhalb von Ecosphere 2. Denn Linda schafft es nicht unter die letzten acht und dient, da sie ebenfalls ein Expertin für Nutztiere ist, als möglicher Ersatz für Dawn, beziehungsweise als Nutztierwärterin für die anschließende Mission 3.

Nach dem „Einschluss“ der acht ausgewählten Terranauten scheint die überall vorherrschende Euphorie dem Experiment tatsächlich zu einem glücklichen Verlauf zu helfen, doch als Leser ahnt man bereits, dass die „menschliche Komponente“ das ganze Experiment zum Scheitern bringen könnte. Und so wundert es nicht, dass die physischen und psychischen Veränderungen der Teilnehmer und die relative Enge des Versuchsgeländes zu zahlreichen Konflikten führen. Den Hauptkonflikt möchte ich hier nicht vorwegnehmen, doch wie die Terranauten sowie die im Außengelände alles überwachende „Mission Control“ damit umgehen ist auch eine Reflektion der Darstellung gängiger Castingshows wie wir sie heute kennen, bei denen das Verhalten der Teilnehmer untereinander sowie die Darstellung von Neid und Missgunst den eigentlichen Zweck des Unternehmens in den Hintergrund rücken um damit Zuschauerzahlen beziehungsweise Spendengelder zu generieren.

Hier wird dann deutlich, warum auch das tatsächliche Biosphäre-Experiment heftig kritisiert wurde. Denn eine wissenschaftliche These, die man –wie sonst bei wissenschaftlichen Experimenten üblich- wiederlegen oder bestätigen wollte, gab es bei diesem Projekt nicht. Für viele war die „Biosphäre 2“ daher von Anfang an hauptsächlich eine Show-Veranstaltung. Und so bleibt am Ende wohl nur das dem Roman vorangestellte Sartre-Zitat: „Die Hölle, das sind die Anderen“ als Erkenntnis.

Fazit: Auch in seinem neuen Roman wirft T.C. Boyle wieder einen ironischen Blick auf die Probleme menschlichen Zusammenlebens und nähert sich einem seiner Lieblingsthemen, der Umweltzerstörung durch den Menschen, diesmal von der wissenschaftlichen Seite. Die drei Hauptfiguren des Romans kommen dem Leser durch die gewählte Erzählperspektive sehr nah, die übrigen Teilnehmer wirken dagegen überraschend blass. Durch die begrenzten Ressourcen von Ecosphere 2 und die wilde Entschlossenheit der Terranauten das Experiment unter keinen Umständen scheitern zu lassen, liest sich der Roman auch größtenteils sehr spannend.

Die bitterböse Satire aus „America“ oder die thrillerhaften Elemente aus „Hart auf Hart“ fehlen hier aber, für meinen Geschmack hätte das Buch auch etwas kürzer sein können, dennoch ist es unverkennbar ein typischer Boyle, der unbedingt Lust auf mehr Bücher dieses hervorragenden Autors macht.

Kurioser Fakt am Rande: Das in der Realität durchgeführte, zweite Experiment von Biosphäre 2 aus dem Jahr 1994 wurde von dem umstrittenen Unternehmer Stephen Bannon geleitet, der mittlerweile zum einflussreichen und umstrittenen Trump-Berater aufgestiegen ist.

T.C. Boyle: Die Terranauten, Roman, Hanser Verlag, aus dem Englischen übersetzt von Dirk van Gunsteren, 608 Seiten, gebunden, ISBN 9783446253865, Euro 26,00, Link zur Verlagsseite

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Die Lesung:

Im Vorfeld der lit.Cologne fand im Kölner Musical Dome eine Lesung des Autors zu seinem neuen Roman statt. Die Veranstaltung wurde von Philipp Schwenke (Journalist, freier Autor) moderiert, die Schauspielerin Annika Schilling übernahm den deutschen Teil der Lesung.

Mit seiner lockeren Art nimmt Boyle den ausverkauften Saal direkt für sich ein, zwischen Moderator und Autor entwickelte sich ein kurzweiliges Gespräch über die Entstehung des Romans, bei dem ihm anfangs die technische Seite des Experiments viel mehr als die menschliche interessiert hätte, so Boyle. Es folgte ein Lesungsteil, in dem Annika Schilling in die Rolle von Dawn Chapmann  schlüpfte und Boyle anschließend einen Teil des Buches aus der Sicht von Ramsay Roothoorp vortrug. Für ihre mitreißenden Lesungen erhielten beide viel Applaus.

Unvermeidlich waren wohl die Fragen nach den derzeitigen politischen Verhältnissen in Amerika und dieser Teil war für einige dann auch der Höhepunkt des Abends. Traurig sei er, sagte Boyle, dass er jetzt überall auf seinen Lesungen den Menschen die Amerikaner erklären müsste, wo es doch eigentlich genug andere Themen gäbe, über die er gerne reden würde, wie zum Beispiel die zunehmende Umweltzerstörung durch die Menschen. Hier kommt dann auch  der Satiriker Boyle wieder zum Vorschein, wenn er als Tipp zum aktiven Umweltschutz rät: „Gehen sie in den Garten, legen sie sich in die Nähe des Komposthaufens und erschießen sie sich.“ Diesen Tipp gab er bereits vor vielen Jahren bei einer Lesung in Köln, mittlerweile sieht er noch einen weiteren Ausweg „wenn die Menschen für die nächsten 100 Jahre auf jegliche Fortpflanzung verzichten, hat die Erde vielleicht noch eine Chance.“

Alles in allem ein sehr unterhaltsamer Abend, wer die Chance hat diesen Autor einmal live zu erleben, sollte die Möglichkeit nutzen.

Boyle-Fans müssen scheinbar auch nicht mehr zu lange auf neues Lesefutter warten. Wie der Autor verriet, liegt das nächste Buch bereits fertig in der Schublade, von dem übernächsten hat er auch schon einen Großteil fertiggestellt. Angesichts der Bestsellerlisten und den vielen Romanen mit „Girl“ im Titel wird sein nächstes Buch wohl „The girl who knew the girl on the train“ heißen, gefolgt von „Train on a girl“, von dem es dann logischerweise keine Fortsetzung mehr geben wird.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen. Habt ihr die Terranauten schon gelesen und wie gefielen sie euch? Welche anderen Boyle-Bücher könnt ihr empfehlen? Lasst mir gerne Kommentare da.

Weitere Besprechungen auf folgenden Blogs:

The Readpack

Buchbunt

Leseschatz

Leckerekekse (Hörbuch)

Nicoles Bücherwelt

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15 Comments

  • Reply Kerstin 28. Februar 2017 at 08:59

    Witzigte Idee mit dem Playmobil 🙂 Schöne Rezension. Das Buch wartet auch noch darauf, von mir gelesen zu werden.

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:37

      Hallo Kerstin,
      danke für die netten Worte, dann bin ich gespannt, wie es dir gefallen wird.
      LG
      Thomas

  • Reply Sonja Béland 28. Februar 2017 at 10:26

    Hallo Thomas,
    Das hört sich an als hättest du Spaß gehabt auf der Lesung 🙂
    Das Buch klingt nach einer interessanten Mischung aus Big brother und truman show, könnte mir auch gefallen. Leider warten auf meinem Sub schon jede Menge Wälzer und darum wird es demnächst nichts. Ich muss auch gestehen, ich kenne noch kein Buch von dem Autor..
    Danke für die schöne Rezension!
    LG Sonja

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:41

      Hallo Sonja,
      ja, T.C. Boyle ist zwar sehr zynisch, hat aber auch sehr viel Humor. Da macht eine Lesung wirklich Spaß. Ich bin zwar noch kein Boyle-Experte, aber als Einstieg würde ich vielleicht eher „America“ empfehlen, ein Roman der auf satirische Art die Flüchtlingsproblematik behandelt. Seinerzeit mit Blick auf die mexikanischen Einwanderer in Amerika geschrieben, aber inzwischen ohne weiteres auch auf Europa übertragbar.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Nicoles Bücherwelt 28. Februar 2017 at 21:55

    Hallo Thomas,

    eine sehr schöne Rezension und eine tolle Fotoidee mit den Playmobil-Figuren! Du hast den Inahlt sehr gut wiedergegeben und ich bin in vielen Punkten deiner Meinung.
    Auch der Lesungbericht ist spannend! T.C. Boyle sieht man ja nicht jeden Tag. 🙂
    Vielen Dank für den Einblick (und fürs verlinken)!

    Liebe Grüße
    Nicole

    • Reply Thomas 1. März 2017 at 20:43

      Hallo Nicole,
      danke für das Lob 😉 T.C. Boyle sieht man wirklich nicht jeden Tag, obwohl es wohl mit den letzten vier Büchern auch immer in Köln war. Der nächste Besuch ist also abzusehen 😉
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Nisnis 3. März 2017 at 19:55

    Lieber Thomas,

    vielen Dank für diese intensive Rezension. Dennoch, ich bin noch unsicher, ob mir dieser Roman zusagen würde. Von Boyle habe ich bisher noch kein Werk gelesen. Neugierig bin ich ;-).

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,

    Nisnis

    • Reply Thomas 5. März 2017 at 20:13

      Hallo Nisnis,
      ich kenne auch noch nicht so vielen Romane von T.C. Boyle, als Einstieg kann ich „América“ empfehlen, obwohl schon etwas älter derzeit wieder topaktuell aufgrund der Flüchtlingsthematik.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Silvia 3. März 2017 at 20:27

    Die Bildidee mit den Playmobilfiguren ist toll, die Rezension auch. Ich war echt begeistert vom Hörbuch, wenn es leider auch gekürzt war. Boyle habe ich vor zwei Jahren ebenfalls in Köln gesehen, er sieht langsam schon etwas „klapprig“ aus.
    Ein sehr schöner, ausführlicher Post über Buch und Lesung. Ich muss endlich „Hart auf Hart“ lesen.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Reply Thomas 5. März 2017 at 20:12

      Hallo Silvia,
      danke für den Kommentar, ja T.C. Boyle ist nicht mehr der jüngste. Ich hoffe trotzdem noch auf ein paar Lesungen zu neuen Büchern in Köln 😉 „Hart auf hart“ hat mir auch ganz gut gefallen, trotz doch einiger offensichtlicher Klischees über Amerikaner.
      Beste Grüße
      Thomas

  • Reply Jacquy 7. April 2017 at 18:30

    Danke für die Rezension! Das Buch klingt wirklich sehr interessant, gerade auch durch das echte Vorbild. Gerade die verschiedenen Perspektiven stelle ich mir da spannend vor. Muss ich auf jeden Fall mal im Auge behalten.

    • Reply Thomas 8. April 2017 at 21:26

      Auch wenn es vermutlich kein ganz typischer Boyle ist, mir hat das Buch gefallen. Insbesondere der wissenschaftliche Hintergrund des Experiments hat mich sehr interessiert, das ist nach meinem Empfinden in der Berichterstattung zum echten Experiment -zumindest in Europa- etwas untergegangen.

  • Reply Erika Mager 8. April 2017 at 08:51

    Hallo Thomas, eine schöne Rezi. Ich laube, wir sprachen schon auf der Buchmesse über die Terranauten. Mittlerweile habe ich es auch bis zum Schluss gelesen. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass Boyle mehr aus dem Thema hätte machen können. Für mich war es ein typisches „Wer-mit-wem“-Buch. Klatsch, Eifersucht, Neid etc. Klar, dass das genau Boyles Ansatz war, ihm ist also nichts vorzuwerfen. es liegt also an mir, dass es mich nicht wirklich vom Hocker gerissen hat.
    Trotzdem würde ich Boyle auch einmal live erleben. Vielleicht klappt es beim nächsten Buch in Köln.
    Liebe Grüße
    Erika

    • Reply Thomas 8. April 2017 at 21:31

      Hallo Erika,
      ehrlich gesagt, hatte ich auch etwas mehr Satire bzw. Sarkasmus von Boyle erwartet, aber da bin ich vielleicht mit anderen Erwartungen an das Buch herangegangen. Aber auch in der vorliegenden Form hat es mich gut unterhalten. Ich hoffe dann im nächsten Boyle-Roman auf wieder mehr Gesellschaftskritik. Mit dem Live-Erlebnis klappt es bestimmt noch, Köln scheint ja auf den Lesetouren immer fest eingeplant zu sein und da das nächste Buch schon fertig ist, dauert es vielleicht auch nicht mehr so lange. Vielleicht sieht man sich dann dort 😉
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Reply Rezension Die Terranauten von T.C. Boyle – buchbunt.blog 6. September 2017 at 14:41

    […] Tommi und die Schmöker […]

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