Rezension

Tad Williams – Das Herz der verlorenen Dinge

Knapp zwanzig Jahre ist es her, dass ich Tad Williams‘ vierbändige Fantasy-Saga „Das Geheimnis der großen Schwerter“ las. Die überaus detaillierte und spannend geschriebene Geschichte um den Küchenjungen Simon hat mich damals nachhaltig beeindruckt. Die epische Geschichte konnte sich meiner Meinung nach durchaus mit dem weltberühmten Vorbild Tolkien messen. Die Saga war damals eigentlich abgeschlossen, mit einer Fortsetzung konnte nicht gerechnet werden. Doch die jahrelangen Nachfragen der Fans haben Williams wohl doch überzeugt noch einmal in die von ihm erschaffene Welt „Osten Ard“ zurückzukehren.

Ich war zunächst skeptisch, ob mir die Welt von Osten Ard nach so langer Zeit noch gefallen würde, viele Einzelheiten der Handlung des ursprünglichen Zyklus hatte ich inzwischen vergessen. Doch so viel kann ich am Anfang schon verraten, die Rückkehr nach Osten Ard fiel überraschend einfach aus, zur Sicherheit hatte ich mir nochmals die Zusammenfassung der ursprünglichen Saga durchgelesen (der wikipedia-Artikel ist sehr hilfreich).

„Das Herz der verlorenen Dinge“ kann auch von Lesern, welche die ersten Bücher nicht kennen, gelesen werden, dennoch ist es vermutlich sinnvoll diese zuerst zu lesen. Als Meilenstein im High-Fantasy-Genre sind diese auf jeden Fall eine Empfehlung für alle, die an diesem Genre Interesse haben. Da ich für alle, die die Vorgeschichte noch nicht kennen, nicht spoilern möchte, gehe ich auf diese hier nicht mehr ein. Bei Interesse sind jedoch im Netz ausführliche Zusammenfassungen zu finden.

Der vorliegende Band schließt unmittelbar an die Geschehnisse im letzten Band des Schwerter-Zyklus an. Die Menschen konnten einen Sieg über das elbenhafte Volk der Nornen erringen und König Simon und seine Frau Miriamel sind nun die Herrscher über das Volk der Menschen und versuchen Frieden über Osten Ard zu bringen. Die grausame Königin der Nornen Utuk’ku ist in einem todesähnlichen Schlaf gefangen. Die letzten überlebenden Nornen fliehen in ihre weit im Norden gelegene Heimat, wo der zu einer riesigen Stadt umgebaute Berg Nakkiga ihnen Schutz bieten soll. Eine größere Einheit der Ritter um Herzog Isgrimnur verfolgt die Nornen und möchte der Schreckensherrschaft der Nornen endgültig ein Ende setzen und auch die letzten Angehörigen dieses Volkes vernichten. Zu Beginn des Buches trifft der Leser auf die beiden aus dem Süden stammenden Ritter Porto und Endri, die beide eher zufällig in die Schar der Ritter geraten sind. Die beginnende Freundschaft der beiden Ritter scheint anfangs einen großen Teil des Romans einzunehmen.

Doch überraschenderweise wechselt Tad Williams auch zu Beginn schon recht häufig die Erzählperspektive und schildert die Ereignisse aus Sicht der verfolgten Nornen. Die in der Ursprungsgeschichte noch so heroisch beschriebenen Menschen werden jetzt deutlich kritischer dargestellt, die Sympathien des Lesers gelten überraschenderweise viel öfter den Nornen. Dazu trägt in erheblichem Umfang bei, dass Williams sich viel Zeit nimmt um die Nornen und deren Gedanken und Gefühle ausführlich zu schildern. Mittelpunkt in diesem Teil der Geschichte ist Viyeki, ein Heeresvormann aus dem Clan der Bauleute, der sich nicht nur von den auf Rache sinnenden Menschen, sondern auch von zahlreichen Intrigen innerhalb der Nornen-Clans verfolgt sieht. So stehen der Feldzug gegen die überlebenden Nornen sowie die Belagerung in deren Heimat im Mittelpunkt des Romans, was das Buch im Wesentlichen zu einem Kriegsroman macht.

„Kriege enden nicht, dachte er plötzlich. Sie werden zu Geschichten, die man Kindern erzählt, zu Anliegen, denen sich diejenigen verschreiben, die zu Beginn des Krieges  noch nicht mal geboren waren. Aber sie enden nicht.“ (Seite 98)

Das Buch ist für Williams‘ Verhältnisse eher kurz geraten. 380 Seiten umfasst das Buch einschließlich eines recht umfangreichen Anhangs mit Personenregister, Karten, einer kurzen Geschichte über das Volk der Feen und einer Leseprobe des Folgeromans. Im Vergleich zu anderen Büchern des Autors damit eine eher kürzere Geschichte. Für eine Aufteilung des Buches in verschiedene Handlungsorte, wie das beim Ursprungszyklus der Fall war, war daher hier kein Platz, was aber wiederum der Spannung zugute kommt.

„Das Herz der verlorenen Dinge“ ist vom Autor als Bindeglied zwischen dem alten Osten-Ard-Zyklus und der bald erscheinenden neuen Trilogie gedacht. Sowohl Neueinsteiger als auch alte Fans werden damit wieder in die Welt von Osten Ard geführt. Williams beginnt in diesem Buch einige Erzählstränge, bei denen es spannend wird, wie sich diese in den künftigen Büchern entwickeln werden. Wird die Königin Uttuk’ku aus ihrem Schlaf erwachen? Kann König Simon seinen ehrenhaften Idealen gerecht werden? Wird Viyeki und sein Volk überleben und welche Rolle spielt das namengebende Amulett „Das Herz der verlorenen Dinge“? Ich bin gespannt, ob der Schwerpunkt der Erzählung auch in den kommenden Büchern weiterhin bei den Nornen liegen wird, das wäre vermutlich mal ein innovativer Ansatz für eine Fortsetzungsgeschichte, die Handlung aus der Sicht der „Besiegten“ zu erzählen.

Fazit: Für Fans der ursprünglichen Saga ein gelungener Wiedereinstieg in die neue Serie, ob man das Buch gelesen haben muss um der künftigen Handlung folgen zu können, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Auch für Neueinsteiger ist das Buch geeignet, bietet es doch eine abgeschlossene Handlung und greift nur minimal auf das Personal der Vorgängerromane zurück.

Eine Frage, die sich mir bei der Lektüre immer wieder gestellt hat: Möchte der Autor in den geschilderten kriegerischen Handlungen der Menschen bewusst Parallelen zu heutigen Konflikten ziehen? Können die Nornen stellvertretend für besiegte Völker der Gegenwart gesehen werden? Lasst mir gerne eure Meinungen dazu und eure Gedanken zum Buch in den Kommentaren da.

Der erste „offizielle“ Band der neuen Osten-Ard-Trilogie “Die Hexenholzkrone“ die zeitlich dreißig Jahre nach den geschilderten Ereignissen spielt, erscheint am 09.09.2017. Etwas kritisch sehe ich die Tatsache, dass dieses Buch, wie bei manchen Fantasy-Reihen üblich, in der deutschen Ausgabe in zwei Teilen erscheint. Der Verlag gibt als Grund an, dass das Buch mit über 1300 Seiten zu lang wäre. Ich frage mich allerdings, ob man sich das auch bei anderen Autoren (wie Paul Auster mit seinem aktuellen Buch) getraut hätte.

Tad Williams: Das Herz der verlorenen Dinge, Roman, aus dem Amerikanischen übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann, 380 Seiten, Hardcover, Hobbit-Presse Klett Cotta, ISBN 9783608961447, Euro 20,00, Link zur Verlagsseite

Weitere Besprechungen unter anderem auf folgenden Blogs:

Papiergeflüster
BücherKaffee
Buchstabenträumerin
Prettytigers Bücherregal

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7 Comments

  • Reply Sonja Béland 5. April 2017 at 09:13

    Hallo Thomas,

    Das hört sich ganz nach meinem Geschmack an. Irgendwie habe ich es geschafft noch nie etwas von dem Autor zu lesen, sollte ich wohl ändern. Vielleicht steige ich im September dann mit der neuen Reihe ein. Danke für den Tipp!

    LG Sonja

    • Reply Thomas 8. April 2017 at 21:18

      Hallo Sonja,
      sehr gerne, das Buch ist ja eher ein Appetithappen für die kommenden Bücher. Ich werde erst mal abwarten, was die ersten Leser dazu sagen und wann Band 2 erscheint. Ich weiss auch gar nicht, ob Tad Williams die Reihe schon beendet hat. Wenn man Jahre auf die Fortsetzung warten muss fange ich lieber erst gar nicht damit an. Da habe ich schlechte Erfahrungen mit der Turm-Saga von Stephen King gemacht.
      Wenn du die neuen Bände lesen solltest bin ich natürlich an deiner Meinung sehr interessiert 😉
      LG
      Thomas

  • Reply Tintenhain 8. April 2017 at 10:52

    Es ist schon sehr viele Jahre her, dass ich die Osten Ard-Saga mit großer Begeisterung gelesen habe. Ich empfehle sie auch immer noch sehr gern. Allerdings weiß ich inzwischen kaum noch etwas aus der Handlung. Zwischenzeitlich hatte ich auch überlegt, mir die sehr schönen Hardcover zuzulegen und die Bücher noch mal zu lesen. Allerdings ist das bisher am horrenden Preis (für alle zusammen 100 €) gescheitert.
    Dass der Verlag mal wieder Bücher in mehrere Bände teilt, kennen wir ja bereits aus der ersten Reihe, die eigentlich eine Trilogie ist. Hier wurden ja auch schon vier Bände daraus gemacht. Für mich zählt auch das Seitenargument nicht, Fantasyleser stellen sich gewöhnlich auf stärkere Werke ein. Auf den ersten Band, so ich denn überhaupt noch mal einsteigen möchte, werde ich vorerst verzichten, denn wenn ich dann mitten im Buch aufhören muss, bis der nächste Teil erscheint, habe ich nicht wirklich Lust darauf. Danke also für die Warnung!

    Viele Grüße
    Mona

    • Reply Thomas 8. April 2017 at 22:11

      Hallo Mona,
      geht mir sehr ähnlich wie dir, ich empfehle die Saga auch gerne an Fantasy-Interessierte Leser. Ich konnte mich auch an ganz vieles aus den Büchern auch nicht mehr erinnern, ist aber für dieses Buch auch nicht unbedingt erforderlich. In der neuen Reihe wird es dann hoffentlich nochmal Rückblicke oder Erläuterungen geben. Ein nochmaliges Lesen der ersten Reihe steht bei mir vorerst nicht an. Da werde ich wohl eher einen zweiten Anlauf mit Otherland versuchen, da bin ich damals nämlich in Band 3 ausgestiegen, da die Handlung m.E. einfach nicht weiter ging, aber vielleicht war ich auch damals einfach nicht in der richtigen Stimmung für das Buch. Die Grundidee bei Otherland hat mir nämlich sehr gut gefallen.
      Beruhigend, dass ich nicht der einzige bin, der die Aufteilung des neuen Buches etwas kritisch sieht, die Strategie des Verlages finde ich nicht sehr leserfreundlich.
      Beste Grüße
      Thomas

  • Reply Silvia 9. April 2017 at 14:52

    Hallo Thomas,
    ich bin nicht so der Fantasy-Liebhaber, doch von Tad Williams besitze sogar ich ein Buch!
    Doch im Moment habe ich so meine Probleme mit dicken Wälzern.
    Deine Gedanken darüber warum bei uns das Buch in zwei Teilen heraukommt und in den USA als ein Band ist interessant. Ich lese möglichst alles über 500 Seiten als eBook, da mir das sonst zu schwer wird. Taschenbücher ab 800 Seiten sind meistens auch sehr angegriffen nach einmaligem Lesen.
    Der Verlag wird sich das schon gut überlegt haben…
    Viele Grüße
    Silvia

  • Reply Katania de Groot 9. April 2017 at 18:01

    Hallo Thomas,

    es ist ewig her, dass ich auf diese Reise gegangen bin. Zwar noch nicht ganz 20 Jahre aber 15 werden es mittlerweile sein, vielleicht sogar 17. Um diesen neuen Band strohmere ich schon länger herum. Meine größte Angst ist dabei, dass mein Geschmack sich geändert hat.
    Doch bevor ich dieses Buch lese würde ich doch gerne noch einmal die vorangehende Reihe lesen. Vielleicht kann ich dann gleich mit dem ersten Band der folge Trilogie beginnen, wenn diese erscheint?

    Bei einem 1300 Seiten Buch geht es vermutlich gar nicht mehr um die „Angst“ dass es nicht gekauft wird, sondern vielmehr um die Handlichkeit. Taschenbücher über 700 Seiten werden einfach etwas Unhandlich, weshalb ich diese Trennung durchaus verkraften kann. Anders sehe ich das bei Büchern die 600 Seiten hätten und dann halbiert werden müssen.

    Alles Liebe
    Kani

  • Reply Nisnis 9. April 2017 at 20:54

    Hi Thomas,

    manchmal reizt es mich schon, High-Fantasy einmal auszuprobieren, aber noch habe ich es nicht gewagt. Diese Saga scheint sich aber sehr dafür zu eignen, so umfassend die Story geschrieben scheint. Zusätzlich finde ich Kriegsgeschehnisse immer recht interessant zu lesen, also sollte ich mir diese Saga wirklich merken.

    Ich wünsche dir noch einen wunderschönen und gemütlichen Abend.

    Herzlichst,

    Nisnis

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