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Patricia Highsmith – Leute, die an die Tür klopfen

In dem Roman aus dem Jahre 1983 zeigt uns Patricia Highsmith wohin religiöser Fanatismus führen kann und zeichnet ein Portrait des Lebens in der amerikanischen Provinz, das im Rahmen der Berichterstattung zu den Wählern Donald Trumps erschreckend aktuell erscheint.

Inhalt

Der siebzehnjährige Arthur Alderman lebt mit seinen Eltern und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Vater arbeitet als Versicherungsagent, die Mutter gibt die perfekte Hausfrau – eine typische amerikanische Durchschnittsfamilie. Eines Tages erkrankt Arthurs jüngerer Bruder Robbie schwer und er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo die Ärzte den besorgten Eltern nicht viel Hoffnung machen. Als Robbie dann doch wieder gesund wird, glaubt Arthurs Vater an ein Wunder. Er verfällt in eine Art religösen Wahn und steckt fortan alle Energie in die Arbeit in einer christliche Sekte.

„Und so ging dieser Sonntag in Arthurs Gedächtnis als der Tag ein, an dem sein Vater Gott fand – an dem er ‚wiedergeboren wurde‘, wie sein Vater ausdrückte.“ (Seite 37)

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Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

„Fürs Töten braucht man nicht unbedingt einen Grund. Wir sind hier im Getto. Reiche Leute haben Gründe. Wir haben den Wahnsinn.“ (Seite 26)

Als Leser sollte man sich vom Titel des Romans nicht in die Irre leiten lassen. Das 2015 mit dem englischen Man Booker Prize ausgezeichnete Werk von Marlon James ist weder kurz, noch sind es „nur“ sieben Morde, die in dem Roman geschildert werden. Auf 864 Seiten gibt uns der Autor einen Einblick in die dramatische Geschichte des Inselstaats Jamaika.

Geschichtlicher Hintergrund

Um die Ereignisse schon am Anfang des Romans richtig einordnen zu können ist es hilfreich ein paar Fakten über die Geschichte Jamaikas zu kennen: Die Insel war bis 1962 eine britische Kolonie. Nach der Unabhängigkeit übernahm die konservative „Jamaican Labor Party“ (JLP) die Regierungsgeschäfte, führte das Land aber aufgrund von Misswirtschaft in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Korruption greift in großen Teilen der Politik um sich, es herrscht eine ständig steigende Arbeitslosigkeit und insbesondere in der Hauptstadt Kingston nimmt die Verelendung immer größere Ausmaße an. Die Straßen in den riesigen Gettos der Insel werden von rivalisierenden Gangs beherrscht, die in ihren Gebieten mit brutaler Gewalt gegen ihre Gegner vorgehen. Täglich kommt es zu Todesopfern bei diesen Bandenkriegen. Dabei werden sie von den verschiedenen politischen Gruppierungen unterstützt.

„So etwas wie Frieden gibt es im Getto nicht. Es gibt nur diese Tatsache: Ich kann dich töten, du kannst mich töten, also herrscht Gleichstand“ (Seite 527)

Ab 1968 wird die Not in der Bevölkerung so groß, dass es zu Demonstrationen und gewaltsamen Unruhen kommt. Zu dieser Zeit entwickelt sich auch der Reggae und sein bekanntester Vertreter Bob Marley wurde auch international sehr populär.

Als politischer Gegenpol zur JLP organisierte sich die „People’s National Party“ (PNP) und gewinnt 1972 die Wahlen. Die vom Parteiführer Michael Manley verfolgte Politik des demokratischen Sozialismus nach kubanischem Vorbild ist den USA jedoch ein Dorn im Auge. Neben Fidel Castro auf Kuba möchte man keinen weiteren kommunistischen Führer auf Jamaika haben. Continue Reading

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Eleanor Catton – Die Gestirne

„Ich wollte einen Rätselkrimi schreiben, mit einem toten Mann im Zentrum und zwölf Verdächtigen drumherum. Dann wollte ich sieben Nebenfiguren, die sich erst nach und nach als Hauptdarsteller herausstellen. Dazu wollte ich eine Gerichtsszene wie in Die Brüder Karamasow“ (Eleanor Catton im Galore-Interview, Januar 2016)

Das war 2013 eine große Überraschung, als die damals 28-jährige Neuseeländerin Eleanor Catton für ihren zweiten Roman Die Gestirne mit dem renommierten englischen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Damit war sie die jüngste ausgezeichnete Preisträgerin und legte mit ihrem Roman gleichzeitig das bisher umfangreichste Werk aller Preisträger vor. Seit November 2015 kommen auch deutsche Leser dank der tollen Übersetzung von Melanie Walz in den Genuss dieses Romans. Continue Reading

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Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

„Es ist schließlich nicht so, dass wir uns um das Überleben der Literatur sorgen müssten. Nie hat es so viele Bücher gegeben wie heute. Aber vielleicht wird es Zeit, dass die Bestie mit einem Warnhinweis über mögliche Gesundheitsgefährdungen versehen wird.“ (Tim Parks in seinem Vorwort)

Mit diesem Buch gibt uns der britische Autor Tim Parks einen tiefen Einblick in den Literaturbetrieb der heutigen Zeit, räumt mit einigen Vorurteilen auf, hinterfragt unser Leseverhalten und beleuchtet einige Mythen, die sich um Bücher, Autoren und das Schreiben ranken. Continue Reading

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Thomas von Steinaecker – Die Verteidigung des Paradieses

„Solange ich schreibe, überleben wir.“ (Seite 155)

Der Deutsche Buchpreis hat bisher bei meiner Buchauswahl eher eine untergeordnete Rolle gespielt, dieses Jahr wollte ich mir bewusst die nominierten Bücher näher anschauen und die Leseproben haben meine Neugier auf einige Titel geweckt. Eine Dystopie hörte sich als Einstieg vielversprechend an, auf jeden Fall ist es für die Longlist ein eher ungewöhnliches Genre. Dass dieses Buch jedoch so viel mehr als Genreliteratur ist habe ich mit viel Freude bei der Lektüre dieses großartigen Romans herausgefunden.

Bereits das dem Roman vorangestellte Bibelzitat „Im Anfang war das Wort…“ lässt erahnen, dass den Leser ein Buch erwartet, bei dem es auch um die Bedeutung von Wörtern, Sprache und Literatur geht.

Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft: Die schützende Ozonschicht um den Planeten hat sich aufgrund der Klimakatastrophe aufgelöst. Dörfer, Städte und Bevölkerung werden vor der lebensgefährlichen Strahlung von riesigen Schutzschirmen geschützt. Roboter haben einen Großteil der Arbeit übernommen, die Eliten bleiben in kleinen Luxusressorts unter sich. Continue Reading

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Joël Dicker – Die Geschichte der Baltimores

Von Freundschaft, Liebe und anderen Katastrophen

Mit dem 2012 erschienen Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert gelang dem Schweizer Joël Dicker der internationale Durchbruch als Schriftsteller, über drei Millionen Mal hat sich das Buch weltweit verkauft. Da lagen die Erwartungen an den Nachfolgeroman naturgemäß sehr hoch, Dicker scheint die Erwartungen jedoch zu erfüllen, in Frankreich gehörte Die Geschichte der Baltimores im letzten Jahr zu den erfolgreichsten Büchern. Die deutsche Übersetzung liegt seit 02.05.2016 im Piper Verlag vor.

Worum geht es? Der bereits aus dem Vorgänger bekannte Protagonist Marcus Goldman, inzwischen ein anerkannter amerikanischer Schriftsteller, zieht sich nach Florida zurück um in Ruhe an seinem neuen Roman zu arbeiten. Dort trifft er zufällig auf seine Jugendliebe Alexandra, die inzwischen eine Karriere als Sängerin gemacht hat. Jahrelang haben sich die beiden nicht gesehen und der Leser wird über die Trennungsgründe im Unklaren gelassen. Andeutungsweise erfährt man, dass eine „Katastrophe“ hierfür der Grund war. Um auch die für ihn traumatischen Erlebnisse dieser Katastrophe zu verarbeiten beschließt er seine Familiengeschichte zum Thema seines Romans zu machen.

Und so nimmt uns Marcus Goldman in Form von zahlreichen Rückblicken mit in die spannende Geschichte seiner Familie. Continue Reading

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Ryan Gattis – In den Strassen die Wut

17 Berichte aus der Kampfzone – erschreckend aktuell

3. März 1991: Nach einer Autoverfolgungsjagd wird der alkoholisierte Afroamerikaner Rodney King von Polizisten gestellt und widersetzte sich der Festnahme. Daraufhin setzten die Polizisten des Los Angeles Police Department Schlagstöcke ein und schlagen über 50 Mal auf King ein. Selbst als dieser bereits hilflos am Boden lag, hörten sie damit nicht auf. Ein Augenzeuge filmte den Vorgang aus einer nahegelegenen Wohnung und die anschließende massenhafte Ausstrahlung des Videos in den amerikanischen Fernsehsendern löste eine Diskussion über rassistisch motivierte Gewalt bei der amerikanischen Polizei aus.

29. April 1992: Die vier der Misshandlung beschuldigten Polizisten werden von einem Gericht freigesprochen. Die daraus resultierende Empörung führt zu einem Gewaltausbruch mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen, an deren Ende 52 Todesfälle und Tausende Verletzte zu beklagen sind. Es entstand ein Sachschaden von etwa einer Milliarde US-Dollar.

Dies sind die Fakten, doch was es für die einzelnen Bürger dieser Stadt bedeutet in diesem Hexenkessel zu leben, beschreibt der amerikanische Autor Ryan Gattis meisterhaft in seinen Roman. Gattis, selber Bürger von Los Angeles, der die umkämpften Gebiete aus seiner Zeit als Graffiti-Künstler sehr gut kennt, wollte die Geschichte hinter den abstrakten Zahlen erzählen. Continue Reading

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Andreas Pflüger: Endgültig

Mit Endgültig legt der mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautor Andreas Pflüger seinen zweiten Roman vor und präsentiert uns einen spannenden Thriller mit einer unvergesslichen  Protagonistin.

Jenny Aaron, Tochter eines hochdekorierten GSG9-Beamten, tritt in die Fußstapfen ihres Vaters und erkämpft sich dank ihrer außergewöhnlichen Leistungen einen Platz in der hauptsächlich von Männern dominierten Welt der Kriminalpolizei. Nach einem spektakulären Fall wird sie in die „Abteilung“ berufen, eine auf Terrorabwehr und Personenschutz spezialisierte Einheit der Polizei, die so geheim ist, dass sie noch nicht mal eine offizielle Bezeichung trägt. Bei einer Undercover-Mission in Barcelona wird sie schwer verletzt, verliert ihr Augenlicht und die Erinnerung an die entscheidenden Minuten des Einsatzes. Doch die starke Frau gibt nicht auf und trainiert hart um sich ein Stück weit ihr altes Leben zurückzuerobern. Sie kann zwar nicht mehr bei einer aktiven Einheit eingesetzt werden, erarbeitet sich jedoch eine angesehene Stellung als Fallanalytikerin und Verhörspezialistin bem BKA. Ihr fehlendes Augenlicht hat Jenny durch die intensive Nutzung ihrer anderen Sinne kompensiert (wem das Setting bekant vorkommt: der Autor erwähnt -mit Sicherheit nicht unabsichtlich- in einem Nebensatz den ebenfalls erblindeten Comichelden Daredevil).

„Von ihr erwartet man hingegen, dass sie sieht, was den Sehenden verborgen bleibt, die Wahrheit erspürt, wie nur sie es vermag, Man will, dass sie richtet. Eine Befreiung ist es nicht für sie, sondern ein Gefängnis. Aber eins hat sie mit Gantenben gemein: Jene, die etwas zu verbergen haben, fürchten sie, wenn sie erkennen, dass sie gar nicht blind ist.“ (Seite 78)

In ihrer Funktion als Verhöspezialistin wird sie eines Tages an den Tatort in einem Berliner Gefängnis gerufen. Dort hat ein von ihr festgenommener Täter eine Psychologin in seiner Zelle ermordet. Eine Erklärung will er nur ausschließlich gegenüber Jenny Aaron persönlich abgeben. Die Beschäftigung mit diesem Fall wird Jenny zurückführen in ihre Vergangenheit und sie mit der Wahrheit konfrontieren, warum sie bei ihrem Barcelona-Einsatz den Kollegen und Freund zurückließ. Continue Reading