Rezension

Thomas von Steinaecker – Die Verteidigung des Paradieses

„Solange ich schreibe, überleben wir.“ (Seite 155)

Der Deutsche Buchpreis hat bisher bei meiner Buchauswahl eher eine untergeordnete Rolle gespielt, dieses Jahr wollte ich mir bewusst die nominierten Bücher näher anschauen und die Leseproben haben meine Neugier auf einige Titel geweckt. Eine Dystopie hörte sich als Einstieg vielversprechend an, auf jeden Fall ist es für die Longlist ein eher ungewöhnliches Genre. Dass dieses Buch jedoch so viel mehr als Genreliteratur ist habe ich mit viel Freude bei der Lektüre dieses großartigen Romans herausgefunden.

Bereits das dem Roman vorangestellte Bibelzitat „Im Anfang war das Wort…“ lässt erahnen, dass den Leser ein Buch erwartet, bei dem es auch um die Bedeutung von Wörtern, Sprache und Literatur geht.

Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft: Die schützende Ozonschicht um den Planeten hat sich aufgrund der Klimakatastrophe aufgelöst. Dörfer, Städte und Bevölkerung werden vor der lebensgefährlichen Strahlung von riesigen Schutzschirmen geschützt. Roboter haben einen Großteil der Arbeit übernommen, die Eliten bleiben in kleinen Luxusressorts unter sich.

Dann passiert die Katastrophe: Aufgrund eines zunächst nicht näher beschriebenen Unglücksfall werden fast alle Schutzschirme zerstört, nur wenige Menschen überleben diese Katastrophe.

Der Erzähler der Geschichte, ein Junge namens Heinz, kann sich zu einigen Überlebenden unter einen der letzten funktionierenden Schutzschirme auf eine Berchtesgadener Alm retten. Dort schafft er es mit einer Handvoll Überlebender so etwas wie eine heile Welt aufzubauen. Mit etwas Vieh und Landwirtschaft können sie die notwendigen Lebensmittel produzieren, sind aber auf den begrenzten Lebensraum unter dem Schutzschirm beschränkt.

Die eigentliche Erzählung beginnt mit dem fünfzehnten Geburtstag von Heinz, bei dem er von dem Anführer der Gruppe gebeten wird, fortan die Erlebnisse der Gruppe in einigen vor der Katastrophe geretteten Heften aufzuschreiben. Er wird der Chronist der Gruppe und hat große Freude daran Wörter aus der Zeit vor der Katastrophe vor dem Vergessen zu retten.

„Ab dem heutigen Tag werde ich jede freie Minute dafür verwenden, aufzuschreiben was uns wiederfährt. Ich schwöre, ich werde dabei die foxysten Altwörter verwenden, die sich in meiner Sammlung finden lassen.“ (Seite 17)

Im Laufe der Jahre haben sich in die deutsche Sprache zahlreiche Anglizismen, ausländische und erinnerte Wörter eingeschlichen, die anfangs etwas befremdlich wirken und mich vereinzelt an Clockwork Orange erinnert haben. Wörter, die die kleine Gemeinschaft nicht mehr benutzt, sogenannte Altwörter wie Salbader, weidlich, Demonstration, Plenarsaal, Internet faszinieren Heinz und dem Leser wird klar, dass sich mit dem Untergang einer Bevölkerung zwangläufig auch die Sprache verändert. Diesen sprachlichen Aspekt eines Endzeit-Szenarios habe ich bisher so noch nicht gelesen.

Irgendwann passiert, was passieren muss, der Schutzschirm über der Alm bricht zusammen und die Überlebenden sind gezwungen sich auf die Suche nach Lebensmitteln und weitere Hilfe zu machen und so beginnt deren Reise durch ein völlig zerstörtes Deutschland. Hier haben die Überlebenden zunächst mit den Problemen zu kämpfen, die man aus bekannten Endzeitszenarien wie Mad Max oder The Walking Dead kennt. Wie werden vorhandene Ressourcen aufgeteilt? Wie geht man mit erkrankten Gruppenmitgliedern um? Wie verhält man sich, wenn man auf andere Überlebende trifft? Philosophische Fragen nach dem Wesen des Menschen selbst werden aufgeworfen.

In diesem Abschnitt des Buches wird auch der zweite große Themenkomplex des Romans offensichtlich. Denn was wir in der aktuellen Flüchtlingsdebatte nur als Fernsehbilder zu sehen bekommen, wird für den Leser zu unmittelbar Erlebtem. Hier sind es aber nicht die Ausländer, sondern die Einwohner Deutschlands selber werden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Sie treffen auf Überlebende und Schleuserbanden, die ihnen einen Transport in ein sicheres Auffanglager versprechen. Jeder ist sich selbst der Nächste und das Überleben der Gruppe verlangt große Opfer.

„Hier und da würden Alibi-Auffanglager wie jenes in der Wüste von Orléans eingerichtet, jawohl Alibi, denn bei einer Abweisung von 95 % könne man wohl kaum ernsthaft von Hilfe sprechen, oder?“ (Seite 385)

Eine Dystopie und ein Coming-of-age-Roman, der die Bedeutung von Sprache und Literatur thematisiert und gleichzeitig die Flüchtlingsthematik aufgreift? Kritiker werden bemängeln, dass von Steinaecker zu viele Themen behandelt und daher keinem wirklich gerecht wird. Trotzdem oder gerade deshalb war es für mich ein großes Lesevergnügen und ein Buch, das noch länger nachhallt.

Ein Buch, das ich ohne den Deutschen Buchpreis sicherlich nicht entdeckt hätte und dem ich noch viele Leser wünsche. Klare Leseempfehung für alle, die sich für die genannten Themengebiete interessieren.

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradiese, Roman, Verlag S. Fischer, 416 Seiten, gebunden, ISBN 9783100014603, Link zur Verlagsseite

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5 Comments

  • Reply Jari-chan 25. September 2016 at 21:15

    Auf den ersten Blick hätte ich dem Buch gar nicht zugetraut, dass es mich interessieren könnte – dank deiner Rezension ist es tatsächlich auf die Wunschliste gewandert. Danke fürs Vorstellen!

    • Reply Thomas 25. September 2016 at 22:42

      Hallo Jari-Chan,
      dann bin ich gespannt wie es dir gefällt, ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.
      Viele Grüße
      Thomas

  • Reply Die Verteidigung des Paradieses - Thomas von Steinaecker (Rezension) 25. Oktober 2016 at 09:02

    […] Tommi und die Schmöker Sounds and Books […]

  • Reply Tabea 2. Dezember 2016 at 21:25

    Hallo
    Das Buch ist schon länger auf meiner Merkliste und dank Deiner Rezension jetzt auch deutlich dringender zu besorgen. Gerade die sprachliche Komponente hört sich sehr interessant an. Bin schon sehr gespannt auf dieses Buch.
    LG Tabea

    • Reply Thomas 5. Dezember 2016 at 19:14

      Hallo Tabea,
      mir hat es sehr gefallen, deutlich besser jedenfalls als „Widerfahrnis“ , aber da galt der Preis diese Jahr wohl eher dem Gesamtwerk des Autors als dem Roman.
      Bin auf deine Meinung gespannt.
      LG
      Thomas

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