Rezension

Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

„Es ist schließlich nicht so, dass wir uns um das Überleben der Literatur sorgen müssten. Nie hat es so viele Bücher gegeben wie heute. Aber vielleicht wird es Zeit, dass die Bestie mit einem Warnhinweis über mögliche Gesundheitsgefährdungen versehen wird.“ (Tim Parks in seinem Vorwort)

Mit diesem Buch gibt uns der britische Autor Tim Parks einen tiefen Einblick in den Literaturbetrieb der heutigen Zeit, räumt mit einigen Vorurteilen auf, hinterfragt unser Leseverhalten und beleuchtet einige Mythen, die sich um Bücher, Autoren und das Schreiben ranken.

Tim Parks, Jahrgang 1954, ist ein britischer Schriftsteller und Übersetzer, der seit vielen Jahren in Italien lebt und an der Universität in Mailand literarisches Übersetzen lehrt. Auch als Kritiker hat er sich einen Namen gemacht, für die New York Review of Books schreibt er häufig Kritiken und Essays. Er kennt daher die zahlreichen Facetten des Literaturbetriebes und kann mit seinem trockenen, britischen Humor äußerst unterhaltsam und lehrreich darüber berichten.

Das vorliegende Buch enthält eine Sammlung einiger seiner Essays, die Parks grob in die folgenden Teile des Buches sortiert:

Die Welt des Buches
Das Buch in der Welt
Die Welt der Schriftsteller
Schreiben rund um die Welt

Er gelangt, zumindest für mich, zu überraschenden Einsichten und Erkenntnissen. Beispielsweise wenn er sich fragt, ob man wirklich jedes Buch zu Ende lesen muss. Zur Beantwortung dieser Frage orientiert er sich an der Vorgehensweise eines Autors beim Schreibprozess. Die überwiegende Anzahl der Autoren geht beim Verfassen eines Romanstoffes chronologisch vor, mit zunehmender Dauer der Handlung sind die handelnden Personen und die wesentlichen Konflikte der Geschichte erzählt, die Variationsmöglichkeiten der Handlung werden gegen Ende des Romans immer weniger. Wie und wann der Roman endet ist, laut Parks, oft eine fast willkürliche Entscheidung des Autors.

„Indem all diese Autoren, wie mir scheint, uns zu verstehen geben, dass ein Buch von einem bestimmten Punkt an jederzeit enden kann, billigen sie, dass ein Leser selber entscheiden darf, wo er sich verabschieden will (von Prousts Suche zum Beispiel, oder vom Zauberberg), ohne sich in seiner Leseerfahrung beeinträchtigt zu fühlen.“ (Seite 23)

Diese Ansichten mögen vielen Lesern radikal erscheinen, aber gerade die Deutschen scheinen wohl immer mit etwas zu viel Ernst an die Literatur heranzugehen. Auch zur Lesedauer hat er eine ganz eigene Meinung:

„Wer den Ulysses in zwei Wochen liest, hat ihn nicht besser oder schlechter gelesen als jemand, der ihn in drei Monaten liest oder drei Jahren.“ (Seite 29)

Einen besonderen Schwerpunkt legt Parks auf die Betrachtung der weltweiten Entwicklungen auf dem Buchmarkt und setzt sich durchaus kritisch mit der Vorherrschaft amerikanischer Autoren auf den Bestsellerlisten auseinander. Durch die zunehmende Globalisierung sind immer mehr Autoren gezwungen ihre Romane so zu schreiben, dass sie einem möglichst großen Publikum zugänglich gemacht werden können. Am Beispiel von Peter Stamm erläutert Parks sehr gut nachvollziebar, wie dieser eine Romanhandlung praktisch von allen lokalen Eigenheiten befreien muss, damit diese überall auf der Welt vorstellbar wäre. Ein amerikanischer Autor wie Jonathan Franzen hingegen kann mit Markennamen, amerikanischen Ortsbeschreibungen etc. um sich werfen, da diese durch Literatur, Fernsehen und Kino beinahe schon Allgemeingut sind. Dass sich da immer nur Qualität durchsetzt hält Parks für fraglich.

„ ‚Wenn ein Buch wirklich gut ist, dann erreicht es jeden, überall auf der Welt‘…’Es ist interessant‘, sagte ich zu ihr, ‚dass dieser Glaube an den universellen Reiz guter Literatur so wunderbar mit den Bedürfnissen der Wirtschaft harmoniert.‘  “  (Seite 88)

Auch viele weitere Themen des Buches sind interessant (z.b. welche Bedeutung muss man dem Literatur-Nobelpreis beimessen?) oder lassen einen über das eigene Leseverhalten nachdenken (liest man um sein Weltbild zu bestätigen oder es zu hinterfragen?).

Ein Buch, bei dem man einzelne Kapitel immer wieder lesen kann und das zum Nachdenken und zur Diskussion anregt. Eine große Leseempfehlung für alle Buch- und Literaturliebhaber.

Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker und Ruth Keen, Verlag A. Kunstmann, 240 Seiten, Hardcover, ISBN 9783956141300, Euro 20,00, Link zur Verlagsseite

Weitere Besprechungen auf folgenden Blogs:

Literaturen

Jelimuki

Kapri-zioes

Leckerekekse.de

 

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