On the road, Rezension

Torsten Woywod – In 60 Buchhandlungen durch Europa (Buch und Lesung)

„Buchhandlungen machen jede Stadt ein bisschen schöner und jeden Tag ein bisschen besser.“ (Seite 6)

„Don’t dream it. Do it!“ ist ein vielbenutztes Bonmot, doch die wenigsten Menschen leben nach dieser Maxime. Ganz anders hat es Torsten Woywod, leidenschaftlicher Buchhändler aus Aachen, gemacht. Schon lange träumte er davon, einmal eine Reise zu den schönsten Buchhandlungen in Europa zu unternehmen. Als dann einige Reiseführer-Verlage von seinem Traum hörten und drei davon ihn mit einem Interrailticket unterstützten hat er nicht lange überlegt und ist nach einer sehr kurzen Vorbereitungszeit aufgebrochen um in 28 Tagen 12 Länder und 62 Buchhandlungen zu besuchen. Von dieser Reise berichtet sein Buch „In 60 Buchhandlungen durch Europa“.

Für die meisten Buchliebhaber sind Buchhandlungen Sehnsuchtsorte in denen man seiner Leidenschaft nachgehen kann und wo man auf Gleichgesinnte trifft. In einigen davon kann man sich stundenlang aufhalten und merkt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Gerade in letzter Zeit, in der der inhabergeführte Buchhandel von der wachsenden online-Konkurrenz bedroht wird, wird man sich bewusst, welchen Schatz es in unserer schnellebigen Zeit zu bewahren gilt.

Die Liebe zum Buch und dem Buchhandel spricht auch aus jeder der 256 Seiten dieses Buches. Torsten Woywods Reisebericht ist entsprechend der zwölf besuchten Länder in zwölf Kapitel eingeteilt, die Reihenfolge orientiert sich dabei an seiner Reiseroute. Diese beginnt bereits sehr beeindruckend mit einer der schönsten Buchhandlungen in Europa, dem Boekhandel Dominicanen in Maastricht. Diese wunderschöne Buchhandlug befindet sich in der ältesten gotischen Kirche der Niederlande (Fertigstellung im Jahr 1294) und wurde vom britischen Guardian als „bookshop made in heaven“ bezeichnet. In den riesigen Innenraum der Kirche wurde ein gigantisches, begehbares Bücherregal von dreißig Metern Länge und achtzehn Metern Höhe eingebaut, was für spektakuläre Ein- und Ausblicke sorgt. Aber wie man aus dem Buch ebenfalls erfährt, haben es auch solch beeindruckenden Buchhandlungen in der heutigen Zeit nicht leicht zu überleben. Die Buchhandlung hat seit ihrer Gründung daher schon eine bewegte Geschichte hinter sich.

Torsten Woywods Reise geht anschließend über Großbritanien, Belgien, Frankreich und einige weitere Länder bis nach Griechenland wo er nach 28 Tagen mit dem Besuch von Atlantis Books auf der Insel Santorini seine Buchhandlungsreise abschließt. Zu jeder Station seiner Reise erfolgt eine kurze Beschreibung des Aussehens und Aufbau der jeweiligen Buchhandlung und Torsten Woywod berichtet oft auch von interessanten Gesprächen mit Inhabern und Angestellten der besuchten Geschäfte. Das Ganze wird abgerundet durch immer wieder eingestreute Randnotizen „Schon gewusst?“ in denen er dem Leser interessante Fakten aus der Welt des Buches bietet. Zum Beispiel warum alte Bücher nach Vanille riechen oder wozu die berühmte Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company den Hashtag #PorteOuverte benutzte. Ebenfalls sehr nützlich: die am Ende jeden Kapitels aufgeführte Liste mit Buchtipps zu Autoren des jeweils besuchten Landes.

Dem Wesen der Reise ist es geschuldet, dass sich natürlich Teile der Reisebeschreibung ähnlich anhören, denn der Ablauf ist nun mal meistens gleich: Buchhandlung besuchen, ein paar Eindrücke der Stadt widergeben, anschließend Übernachtungsmöglichkeit suchen und am nächsten Tag geht es meist genauso weiter. Dies hat mich jedoch nicht gestört und das kann man den Autor auch nicht zum Vorwurf machen. Zwei Dinge sollte man von dem Buch nicht erwarten: Es ist kein großformatiger Bildband, der die Buchhandlungen mit aufwändigen Fotos in Szene setzt (obwohl zahlreiche gelungene Fotografien im Buch enthalten sind) und es ist auch keine Kulturgeschichte des europäischen Buchhandels (das hätte einen wesentlich größeren Rechercheaufwand bedeutet). Aber das konnte und wollte Torsten Woywod mit seinem Buch auch gar nicht leisten. Das im handlichen Format gebundene Buch ist vielmehr als Liebeserklärung an den Buchhandel, als Reisebericht, aber auch Reiseführer zu verstehen, denn man kann es dank des Formats auch in jeder mittelgroßen Tasche bequem mitnehmen und sich selber auf die Spuren von Torsten Woywod begeben und die vorgestellten Buchhandlungen besuchen oder eigene Lieblingsbuchhandlungen entdecken. Und wer gerne richtig tolle Fotos von den besuchten Buchhandlungen haben möchte – der DuMont Kalenderverlag hat da meines Wissens etwas mit Torsten vorbereitet 😉 Viele weitere Fotos, auch vom zweiten Teil seiner Reise, die ihn 2016 zu den interessantesten Buchhandlungen der ganzen Welt geführt hat, gibt es auf der Facebook-Seite von Around the world in 100 Bookshops.

Fazit: In 60 Buchhandlungen durch Europa ist ein durchweg gelungener Reisebericht und eine Liebeserklärung an den Buchhandel, der dazu einlädt die eine oder andere Buchhandlung selber zu besuchen. Torsten Woywod führt uns zu den interessantesten Orten für Buchliebhaber in Europa und trifft dort ganz oft auf ebenso begeisterte Buchmenschen wie er selber einer ist. Für alle, die die Liebe zu Buchhandlungen teilen daher ein must-have, denn allein das Blättern im Buch ist schon eine kleine Buchhandlungsreise. Von mir daher eine große Leseempfehlung.

„Bookshops are time machines, spaceshops, story-makers, secret-keepers, dragon-tamers, dream-catchers, fact-finders & safe places.“ (Seite 44) Zitat aus „The Bookshop Book“ von Jen Campbell (englische Buchhändlerin und Buchbloggerin)

Die Lesung

Torsten Woywod und Buchhändlerin Christina Esch vor dem Foto von Shakespeare & Company in Paris

Bereits im Februar war Torsten Woywod im Rahmen seiner Lesetour in der Buchhandlung Lesezeit in Düsseldorf-Kaiserswerth zu Gast. Und wenn es um einen Reisebericht geht ist es natürlich noch viel interessanter den Bericht direkt vom Reisenden selber zu hören. Der Lesungsteil an diesem Abend war eher kurz, dafür gab es umso mehr interessante Geschichten zu hören und tolle Fotos zu sehen. Beispielsweise, dass er das große Glück hatte eine der schönsten Buchhandlungen Europas, die Livraria Lello e Irmão in Porto nach Ladenschluss ganz für sich zu haben und in Ruhe wunderbare Fotos machen zu können. Das ist nämlich tagsüber so gut wie unmöglich, denn seit der britische Guardian diesen Ort zur „Schönsten Buchhandlung der Welt“ und der Reiseführer-Verlag lonely planet zur „Schönsten Buchhandlung Europas“ gekürt haben, wird der Laden täglich von Touristenströmen überflutet, was dazu geführt hat, dass die Buchhandlung jetzt tatsächlich drei Euro Eintritt für den Besuch berechnet (der jedoch mit einem Kauf verrechnet wird). Hinzu kommen unzählige Harry-Potter-Fans, denn es heißt dass sich die in den Neunzigerjahren in Porto lebende J.K. Rowling hier zu ihren Romanen um Harry Potter hat inspirieren lassen.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Die „Livraria Lello e Irmao“ ohne Touristen

Viele weitere Anekdoten runden den sehr gelungenen Abend ab und man möchte am liebsten sofort in einen Zug steigen um sich einige der Buchhandlungen selber anzusehen. Wer Gelegenheit hat, Torsten Woywod einmal live zu erleben, sollte die Gelegenheit also unbedingt nutzen. Möglichkeiten dazu sollte es in Zukunft noch geben, denn nach der großen Resonanz auf seine erste Reise hat Torsten Woywod seine Erkundungstour 2016 auf die ganze Welt ausgedehnt, von der er nicht nur immer wieder auf seiner Facebook-Seite berichtet hat, sondern die es vermutlich demnächst auch als Buch zum Nachlesen geben wird.

Sehr interessant war für mich auch zu hören, wie Buchhandlungen und -händler in anderen Ländern auf die Kundschaft zugehen. Gerade in England scheint das Lesen sehr viel mehr im Mittelpunkt zu stehen und Buchhandelskunden werden anders angesprochen und auch mal mit ungewöhnlichen Sortimenten überrascht. Hier hätte ich mir noch mehr Informationen dazu gewünscht wie Torsten Woywods Erfahrungen in der hiesigen Buchhandelslandschaft aufgenommen wurden, denn Anregungen, wie man Buchläden für die Kunden attraktiver gestaltet, hat er reichlich gewonnen. Aber das hätte vermutlich den Rahmen der Veranstaltung gesprengt.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass wir mit dem Buch kein Andenken an eine aussterbende Art von Geschäften erhalten haben und wir uns noch möglichst lange an ihnen erfreuen können, denn wie schreibt Autor Benedict Wells so schön im Vorwort:

„Es bringt nichts, liebevoll an all die kleinen (und größeren) unabhängigen Buchläden zu denken, oder sich beim Vorbeigehen daran zu erfreuen, dass es das Geschäft aus der Kindheit ja immer noch gibt – und dann aber seine Romane einfach irgendwo anders zu kaufen oder gleich bequem im Internet zu bestellen. Die unabhängigen Buchläden überleben auf Sicht nur, wenn man auch bei ihnen kauft, Punkt, aus.“

Daher: #SupportYourLocalBookdealer und kauft bei eurem Buchhändler vor Ort.

Torsten Woywod: In 60 Buchhandlungen durch Europa, 256 Seiten, 58 Fotos, gebunden, Verlag: Eden Books, ISBN: 9783959100731, Euro 19,95, Link zur Verlagsseite

Mich würde in diesem Zusammenhang sehr eure Meinung interessieren. Kauft ihr Bücher auch im (unabhängigen) Buchladen oder kann man auf diese verzichten, da die Bestellung im Internet angeblich schneller und bequemer ist? Lasst mir gerne eure Meinung in den Kommentaren da.

Weitere Besprechungen u.a. auf folgenden Blogs:

Nicoles Bücherwelt
Literaturen
Lesevergnügen
Kielfelder
Sounds & Books

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4 Comments

  • Reply Silvia 14. April 2017 at 20:49

    Hallo Thomas,
    du hast mich daran erinnert, dass ich zur Lesung mit Thorsten auch einen Bericht schreiben wollte. Ob das noch was wird?
    Es war ein toller Abend für mich und in dem Buch blättere ich gerne.
    Jetzt muss ich nur noch all diese schönen Orte bereisen.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Reply Thomas 14. April 2017 at 22:11

      Hallo Silvia,
      nur kein Stress mit den Lesungsberichten 😉 bei mir hat es auch länger als geplant gedauert. Ja, eine Reise zu den Buchhandlungen wäre optimal, wir werden uns bald zumindest mal in Maastricht umschauen.
      Beste Grüße
      Thomas

  • Reply Angela Busch 25. April 2017 at 09:17

    Guten morgen Thomas,,, ich kann nur den Satz unterstützen * Kauft in kleinen Buchhandlungen* . Dort ist zwar nicht immer ALLES vorrätig, das können sie nicht leisten, aber der heutige Bestellservice ist so gut organisiert, dass das gewünschte Buch am nächsten Tag vorhanden ist. Ich habe einige Jahre in einer kleinen Sortimentsbuchhandlung gearbeitet und es sehr genossen. Leider sanken/sinken die Umsatzzahlen und ich wurde nicht mehr gebraucht. Arbeitsplätze verschwinden und gerade auch Kleinstädte verlieren durch die vielen Schliessungen kleiner Buchläden an Attraktivität. Einen Schuldigen** auszugucken wie das Internet oder grosse Anbieter ist sinnlos und albern. Die Lebensumstände und das Einkaufsverhalten der Menschen ändern sich gerade ,,,
    LG Angela

    • Reply Thomas 25. April 2017 at 21:24

      Hallo Angela,
      deswegen werde ich auch weiterhin in unabhängigen Buchhandlungen meine Bücher kaufen und mache auch immer wieder Werbung im Bekannten- / Kollegenkreis dafür. Aber man hat irgendwie das Gefühl, dass man da mit seiner Meinung ziemlich alleine dasteht. Schade, dass gemeinsame Aktionen der Buchhändler (wie beispielsweise buchhandel.de) nicht zu funktionieren scheinen. Man kann nur hoffen, dass die Verbraucher den Wert der Buchhandlungen zu schätzen lernen, so lange es nicht zu spät ist.
      LG
      Thomas

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